Indonesiens Literatur: exotische Vieldeutigkeit

 

Tempel in Indonesien statt LiteraturIndonesien ist den meisten Menschen nicht unbedingt wegen seiner Literatur bekannt. Stattdessen kennt man den weltweit größten Inselstaat, der nördlich von Australien im Indischen Ozean liegt, als exotisches Urlaubsparadies mit weißen Traumstränden, einer üppigen Flora und Fauna und einer uralten reichen Kultur. Dennoch ist Indonesien das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2015 und das ist für uns Grund genug, der Literatur des Landes in diesem Jahr eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Und da dürfen wir uns unter dem Motto „17.000 Inseln der Imagination“ auf eine Exotik freuen, wie sie die Frankfurter Buchmesse schon lange nicht mehr an den Tag gelegt hat. Denn in Indonesien ist wirklich vieles anders.

 

 

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Die Kunst der Körperlichkeit in der indonesischen Literatur


So ist – ganz anders als in unserer Kultur – in der indonesischen Literatur die Lyrik von ganz besonderer Bedeutung. Der Malaiologe Berthold Damshäuser erklärte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die Lyrik ist ein besonders populäres Genre der modernen indonesischen Literatur. Lyriklesungen finden häufig vor Hunderten von Zuhörern statt.“ Ein Zustand also, von dem viele Lyriker in Deutschland nur träumen können. Doch eine solche Lyriklesung in Indonesien müsse man sich ganz anders vorstellen als hierzulande. Während hier Gedichte mit getragener Stimme vor einem ehrfürchtig schweigenden Publikum rezitiert werden, ist jedes Gedicht in Indonesien eine Inszenierung für sich. Die Musikalisierung von Lyrik sei, so Damshäuser, besonders populär. Dabei würden Texte von Bands vertont und dann dem Publikum dargeboten. Nicht selten würde das Publikum dann sogar in den Gesang mit einfallen.

 

Doch auch ohne Musik fehlt es nicht an Pathos, wenn in Indonesien Gedichte vorgetragen werden. Dann legt sich der Lyriker selbst voll ins Zeug und lässt es sich auch nicht nehmen, einzelne Aspekte szenisch umzusetzen. Kein Wunder also, dass in Indonesien die lyrische Literatur ein breites, begeistertes Publikum anlockt. Körperlichkeit ist in der indonesischen Literatur also von besonderer Bedeutung. Für den Schriftsteller Afrizal Malna ist das ganz natürlich: „Wenn ich über einen Schritt schreiben will, muss ich meinen Körper fragen, wie das geht – und den Schritt einfach machen.“ Das klingt einleuchtend, spielt aber für westliche Schriftsteller in ihrem Schreibprozess in der Regel keine Rolle. Schade eigentlich, denkt man unweigerlich, wenn man sich an die bunten und aufregenden Darbietungen auf der Frankfurter Buchmesse des Vorjahres erinnert, als Indonesien als Gastland vorgestellt wurde.

 

Indonesiens Literatur: die ganz große Vielfalt erleben


Indonesiens Literatur als Teil der KulturDie Buchmesse 2015 sei nun eine wunderbare Gelegenheit, „die Literatur, die Talente und die reiche Kultur“ eines Landes zu erkunden, „das wir hierzulande kaum kennen“, erklärte Buchmesse-Direktor Juergen Boos 213, als der Vertrag mit Indonesien unterzeichnet wurde. Und da dürfen sich die Gäste auf einiges freuen, denn Indonesien sei eine literarische Schatzkammer, so Berthold Damshäuser gegenüber der FAZ. Das liegt an der unglaublichen Vielfalt des Staates, der sich auf immerhin 17.508 Inseln verteilt. Mehr als 17.000 Inseln also, die sich mehr oder weniger unabhängig voneinander entwickelt und so sehr unterschiedliche Kulturen hervorgebracht haben. Zu sagen, dies und jenes sei typisch für Indonesiens Literatur, ist deshalb schlichtweg unmöglich. Hunderte verschiedener Sprachen und Literaturen in diesem Vielvölkerstaat tragen das ihre dazu bei, dass es zur Lebensaufgabe werden kann, wenn man die Literatur Indonesiens in all ihren Facetten kennenlernen möchte.

 

Eine Lebensaufgabe, die sich jedoch lohnen würde, wenn man bedenkt, dass es in Indonesien einige Schriftsprachen mit einer zum Teil tausendjähriger Tradition gibt. Die javanische Literatur zum Beispiel. Bereits 2014 kamen die Gäste der Frankfurter Buchmesse in den Genuss der uralten javanischen Geschichte „Arjunawiwaha“ aus dem 11. Jahrhundert, vorgetragen von der balinesischen Sängerin und Performerin Ayu Laksmi. Die Geschichte handelt von Prinz Arjuna, der sich in die Meditation versenkt und dort zahlreichen Verführungen zu widerstehen hat. Was schon in dieser einfachen Zusammenfassung ein bisschen wie ein exotisches Märchen aus 1001 Nacht klingt, ist mit Herzblut und in der Originalsprache vorgetragen ein echter Ohrenschmaus fremder, anmutiger Klänge. Unweigerlich versteht man, was die Bewohner Indonesiens so an vorgetragenen Gedichten fasziniert und warum die Tradition der mündlichen Überlieferung in Indonesiens Literatur nie ausgestorben ist. Literatur ist hier nichts, was man nur allein im stillen Kämmerlein rezipiert, es ist eine Kunstform mit einer langen Geschichte, deren Zauber man sich nur sehr schwer entziehen kann.

 

Lesenswert: moderne Literatur aus Indonesien

 

Indonesien Literatur: Die Regenbogentruppe von Andrea HirataDoch auch in Indonesien ist die Literatur nicht in der Vergangenheit hängen geblieben. „Die Regenbogentruppe“ von Andrea Hirata ist das meistverkaufte indonesische Buch im Inland und auch einer der Stars auf der Frankfurter Buchmesse 2015. Weitere Namen der indonesischen Literatur, die man sich wenigstens für diesen Bücherherbst merken sollte, sind Ayu Utami und die feministische Autorin Dorothea Rosa Herliany. Die Auswahl der vorgestellten Werke wird dennoch nicht besonders groß sein. Bislang wurden nur 267 Werke überhaupt ins Englische Übersetzt. Den Weg in die deutsche Sprache haben bislang nur sehr wenige Bücher gefunden. Das wird sich nach diesem Herbst vielleicht ändern, aber das Problem der Übersetzung bleibt weiterhin bestehen.

 

Der Malaiologe Berthold Damshäuser erklärte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegenüber, was das Problem mit Übersetzung aus den indonesischen Sprachen sei: „‚Ibu datang‘ kann grundsätzlich bedeuten: eine Frau, eine Mutter, die Frau, die Mutter oder die Mütter kommt, kommen, kam(en), werden oder würden kommen.“ Keine einfache Aufgabe für einen Übersetzer, der Indonesiens Literatur für das deutsche Publikum zugänglich machen möchte, ohne sie dabei ihrer kunstvollen Ambiguität zu berauben. Dass es einigen dennoch sehr vortrefflich gelungen ist, zeigen die folgenden Buchtipps aus Indonesien. Wir wünschen viel Spaß dabei.

 

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