Kleine Geschichte der amerikanischen Literatur

 

Die amerikanische Literatur beginnt mit der Unabhängigkeit.

Jede Epoche der amerikanischen Literatur hat ihre eigenen großen Erzählungen des amerikanischen Traums, des unerbittlichen Glaubens an die eigene Stärke. Doch welche Werke waren über die Jahrhunderte am einflussreichsten und welche Autoren und Autorinnen haben sich für immer in die Herzen – oder zumindest den Englischunterricht – der Amerikaner manövriert?

 

Entdecker und Siedler: Frühe amerikanische Literatur

 

Als Christoph Kolumbus im Jahre 1492 auf seinem Weg nach Indien irrtümlicherweise auf den Bahamas landete, war der amerikanische Kontinent bereits von Millionen von Menschen bewohnt. Die vielfältigen Kulturen der Ureinwohner beruhten auf mündlicher Überlieferung. Nur wenige schriftliche Erzeugnisse blieben nach der Eroberung durch die Europäer erhalten. Aus diesem Grund beginnt die amerikanische Literaturgeschichte typischerweise erst mit der „Entdeckung“ Amerikas. Reiseberichte von Abenteurern wie Arthur Barlow (1589) und Sir Walter Raleigh (1584) zeugen von den Expeditionen ins Unbekannte, von der schrittweisen Erkundung des Kontinents. Schon in den frühesten Schriften wurde Amerika zum geweihten Land stilisiert, zum exotischen, aufregenden Ort voller Gefahren und unbändiger Schönheit.

 

Im frühen 17. Jahrhundert entstanden in Virginia und Quebec die ersten Siedlungen. Auch die Literatur aus dieser Periode zielt auf ein Publikum ab, das sich in Europa nach Informationen über die Neue Welt sehnt. Bekannt sind u.a. die Berichte von William Bradford (1630-50, „Of Plymouth Plantation“) und John Smith (1616, „A Description of New England“). Letzterer ist für seine angebliche Liaison mit einer gewissen Prinzessin Pocahontas (weltbekannt durch den Disney-Film "Pocahontas - Eine indianische Legende") berühmt. Die Geschichte entstammt jedoch ausschließlich der Vorstellungskraft von John Smith: Obwohl er Pocahontas nie begegnet ist, machte sich der eitle Abenteurer, der von sich selbst stets in der dritten Person schrieb, mit der Legende einer großen Liebe unsterblich. Die amerikanische Literatur des 17. Jahrhunderts umfasst außerdem religiös-motivierte Autobiographien und Predigten, etwa von Mary Rowlandson und John Winthrop.

 

Amerikanische Literatur und die Unabhängigkeit

 

Im 18. Jahrhundert begann das Streben nach politischer Unabhängigkeit von Großbritannien. Am 4. Juli 1776 verabschiedete der amerikanische Kongress die Unabhängigkeitserklärung. Thomas Jefferson gilt als Autor – entstanden ist das Gründungsdokument jedoch im Dunstkreis der damaligen politischen und intellektuellen Elite mit großen Namen wie Benjamin Franklin und John Adams. Ein Absatz über die Abschaffung der Sklaverei soll in der Bearbeitung gestrichen worden sein, um sich die Unterstützung der sklavenhaltenden Staaten zu sichern. Literaturgeschichtlich ist wohl Thomas Paines Pamphlet „Common Sense“ ebenso interessant, welches im selben Jahr in einer beeindruckenden Auflage von über 100.000 Exemplaren veröffentlicht wurde. Thomas Paine bringt im Pamphlet seine aufklärerischen Ideale über Demokratie und Unabhängigkeit als Menschenrecht zum Ausdruck. Die Streitschrift war immens wichtig, um allgemeine Zustimmung für den Kampf gegen die Briten zu generieren.

 

Blütezeit der amerikanischen Literatur im 19. Jahrhundert

 

Stapel amerikanische Literatur auf FlaggeBis hierhin hatte die amerikanische Literatur eine vorrangig politische Funktion. Im 19. Jahrhundert widmete sie sich dann endlich auch den „schönen Dingen“. Die Konzentration galt der Kreation einer „typisch amerikanischen“ Literatur. Auf die politische Unabhängigkeit sollte die kulturelle Emanzipation folgen. Einflussreiche Strömungen waren Naturalismus, Realismus und Romantik. Washington Irving, James Fenimore Cooper und Nathaniel Hawthorne sind Vertreter der düsteren Romantik. Edgar Ellen Poe war bedeutend für die Entwicklung der Kurzgeschichte. Weitere wichtige Autoren der Zeit sind der Romancier Herman Melville, Transzendentalismus-Gründer Ralph Waldo Emerson und der Philosoph Henry David Thoreau. Bedeutende Dichtung kam von Walt Whitman und Emily Dickinson. Harriet Beecher-Stowe stieß mit ihrem Buch „Onkel Toms Hütte“ (1852) eine gesellschaftliche Debatte über Sklaverei an – ein gesellschaftlicher Missstand, der erst nach vier Jahren Bürgerkrieg im Jahre 1865 offiziell abgeschafft wurde.

 

Amerikanischen Literatur im 20. Jahrhundert

 

Die amerikanische Literatur des 20. Jahrhundert gewann an stilistischer und inhaltlicher Vielfalt.  Mit den gesellschaftlichen Umwälzungen des voranschreitenden Jahrhunderts kam die literarische Moderne, die die Erfahrungen der Weltkriege, der Urbanisierung und deren Folgen reflektierte. Die Frühmoderne zeichnete sich durch einen regen Austausch mit Europa aus. Größen wie Gertrude Stein, T.S. Elliot und Ezra Pound verbrachten viel Zeit in der Kunstszene Europas. In Amerika verblieben Autoren wie Theodore Dreiser, Stephen Crane und Robert Frost. Nach dem ersten Weltkrieg formierte sich die Hochmoderne um Ernest Hemingway, John Dos Passos, F. Scott Fitzgerald und William Faulkner. John Steinbeck schrieb über die Armut der ländlichen Bevölkerung und Henry Miller schrieb kontroverse Bücher, die mit den gängigen literarischen Genres brachen. In den Theatern bestimmten ebenso wenig kontroversscheue Köpfe wie Eugene O’Neill, Tennessee Williams und Arthur Miller den Diskurs. Zudem bildete sich in den 1920ern die New Yorker „Harlem Renaissance“, durch die schwarze Autoren wie Langston Hughes zu einiger Prominenz gelangten.

 

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen einige heute noch hoch geschätzte Bücher. Darunter Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ (1960) und J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ (1951). Kurt Vonnegut, John Updike und Philip Roth veröffentlichten ihre ersten Bücher – die Postmoderne hielt Einzug in die Literatur. Die Autoren der Postmoderne spielen mit Form und Stil, brechen die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur auf, stechen mit Ironie, Selbstreflexivität und Absurdität hervor. Wichtige Vertreter sind Thomas Pynchon, Don DeLillo, Vladimir Nabokov und Paul Auster.

 

Andere amerikanische Literatur(en)

 

Der amerikanische Kanon war über lange Zeit vor allem eins: weiß. Erst mit der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts sollte das weiße Monopol auf das Literarische so langsam bröckeln. Die sogenannten „Minority Literatures“ erlebten eine regelrechte Renaissance. Schwarze Autoren und Autorinnen wie James Baldwin, Richard Wright, Ralph Ellison und Toni Morrison veröffentlichten Bücher, die den Rassismus der amerikanischen Gesellschaft an den Pranger stellten. Die Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner nutzten ebenso das Medium der Literatur, um ihrer Welterfahrung Gehör zu verleihen. Wichtige Vertreter sind Louise Erdrich, Leslie Marmon Silko und Sherman Alexie. Wichtige amerikanische Autorinnen mit asiatischen Vorfahren sind Jhumpa Lahiri und Maxine Hong Kingston.

 

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 stellen einen Einschnitt in der amerikanischen Literaturgeschichte dar. Einige vielbeachtete Bücher der jüngsten Vergangenheit behandeln die Folgen der Anschläge, so etwa Jonathan Safran Foers „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005) und Art Spiegelmans Graphic Novel „Im Schatten keiner Türme“ (2004). Andere von der Literaturkritik beachtete Autoren der Gegenwart sind Jonathan Franzen, David Foster Wallace, Bret Easton Ellis und Jeffrey Eugenides. Ob sich diese Autoren der amerikanischen Literatur jedoch über die nächsten Jahrzehnte in der Literaturgeschichte verankern werden, wird man erst in einigen Jahren feststellen.

 

 

Bedeutende Autoren und Autorinnen der amerikanischen Literatur im Überblick:

 

Klicken Sie auf die Links, um mehr über die Autoren und ihre Werke zu erfahren und um ihre jeweiligen Bücher zu bestellen. Lesenswert zum Thema sind auch die Abhandlung "Über Amerikaner: Von Hemingway und Bellow bis Updike und Philip Roth" von Marcel Reich-Ranicki und "Amerikanische Literaturgeschichte" von Hubert Zapf.

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