Lesebühnen: Literatur wird Kult

 

Autor, der frustriert an einem Text für die Lesebühne sitztLesebühnen sind Kult in Berlin! Kaum ein Abend in der Hauptstadt, an dem Interessierte nicht irgendwo lustigen bis kritischen Texten lauschen und verfolgen können, wie sich Alltägliches in Kunst verwandelt. Auf den Lesebühnen der Hauptstadt gibt es kein Thema, das ausgespart wird: der Späti um die Ecke, die Nachbarschaft, die Prenzlauerberg-Mütter, verrostete Fahrradleichen im Stadtbild, Touristen, Politik, der Einkaufsbummel, das Nachtleben und Erlebnisse in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Alles, was Berlin ausmacht, wird früher oder später in den Lesebühnen gespiegelt – sehr zum Vergnügen des Berliner Publikums, das sich an den Anspielungen ergötzt und stets ganz genau weiß, was gemeint ist, und sein Berlin auch genau deshalb liebt.

 

Was Lesebühnen in Berlin zum Kult macht

 

Das Schöne daran ist, so Dan Richter, die Kultfigur der Lesebühnen in Berlin, dass das Konzept der Lesebühnen so offen ist. „Es gibt keine richtigen Grenzen“, sagt er. „Die einzigen Grenzen sind in unserem Kopf.“ Was man sich vorstellen kann, das gibt es auf den Lesebühnen. Was man in Worte fassen kann, wird hier vorgetragen. Und was sich nicht in Worte fassen lässt, wird in szenische Darbietungen umgearbeitet, in Songs, Impro-Stücke und pantomimische Kunstwerke. Auch wenn der Name „Lesebühne“ zunächst ein steifes Arrangement hochgestochener Texte vermuten lässt: Die Lesebühnen sind ein absoluter Magnet für alle, die gut unterhalten werden, lachen und auch ein bisschen kritisch nachdenken wollen. Was manchmal als großartiger Witz daher kommt, kann in der Lesebühne nämlich auch ernsthafte Gesellschaftskritik sein.

 

Im schummrigen Licht, in gemütlicher Stammtischatmosphäre und mit dem obligatorischen Bier in der Hand genießt man die intellektuelle, aber alles andere als spießige Atmosphäre der Berliner Lesebühnen und freut sich am Ende des Abends, dass der Fernseher ausgeblieben ist und man sich nicht einfach sinnlos irgendwo betrunken hat. Lesebühnen hinterlassen eben ein gutes Gefühl. Man hat sich Kultur gegönnt, ohne sich zu langweilen, die grauen Zellen bemüht, ohne den Spaß außer Acht zu lassen, und ein paar tolle Denkanstöße mit nach Hause genommen. Unterhaltung ist das oberste Mantra der Lesebühnen-Autoren: Ob komisch oder nicht – ein Text darf niemals langweilen! „Dass der Autor nicht die Situation, hier steh ich und dort seid ihr, die Zuhörer, ausnutzt, um seine Gehirngrütze da von sich zu geben“, betont Dan Richter im Interview auf seinem YouTube-Kanal in seiner gewohnt entspannten Art den Anspruch, den er an die Autoren und ihre Texte hat.

 

Die Evolution der Lesebühnen zum Kult

 

 

Auch wenn Berlin inzwischen zur Hochburg der Lesebühnen in Deutschland geworden ist und sich beinahe anfühlt wie ein urberliner Phänomen, so ist die Idee doch ganz woanders entstanden: in Magdeburg. Dort wurde 1987 die erste Lesebühne gegründet. Was in seiner Idee noch etwas steif klang – junge Schreibende aus Zirkeln und Arbeitsgemeinschaften wechseln sich mit Liedermachern in der Darbietung ab und anschließend gibt es eine breite Diskussion – entwickelte sich dann bald zu einem Massenphänomen, das seinen Siegeszug durch ganz Deutschland antrat. Heute spricht man dann von einer Lesebühne, wenn sich die gleichen Autoren (mit wechselnden Gästen) regelmäßig zum Vorlesen selbst geschriebener Texte treffen. Die Texte sind dabei in der Regel kurz (nicht länger als zehn Minuten) und beziehen auch das Publikum häufig stark mit ein. Überhaupt gibt es viel Interaktion zwischen den Vorlesern und den Zuhörern. Jede Lesebühne hat dabei einen eigenen Charakter und jede verfügt über einen eigenen Kreis von Stammgästen, mit denen sich im Laufe der Zeit eine feste Dynamik entwickelt. All das macht den Charme der Lesebühnen aus. Aus diesem Konzept sticht jedoch eine Lesebühne besonders hervor: das Kantinenlesen in der Berliner Kulturbrauerei. Dan Richter, als Initiator und Moderator der Veranstaltung, ist der einzige Fixpunkt dieser Bühne. Um ihn herum wechselt das Ensemble der Vorlesenden ständig. Das Kantinenlesen bezeichnet sich selbst als das „Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen“. Die einzelnen Bühnen entsenden also jede Woche einen ihrer Autoren, der sie in der Alten Kantine vertritt. Das sorgt für Abwechslung und ist vor allem für Lesebühnen-Neulinge ein tolles Erlebnis.

 

Die festen Termine der Lesebühnen in Berlin

 

Fröhlicher Autor, der für die Lesebühne schreibtWer in Berlin mal eine der berühmten Lesebühnen besuchen möchte, hat dazu ausreichend Gelegenheit. Am Dienstag lädt die Bühne mit dem ungewöhnlichen Namen „Liebe statt Drogen“ (LSD) ins Schokoladen in der Ackerstraße sein, wo Andreas “Spider” Krenzke, Uli Hannemann, Tobias “Tube” Herre, Micha Ebeling und Ivo Lotion ab 21:30 Uhr ihr Publikum unterhalten. Wem das nicht reicht, der besucht am jeweils ersten Dienstag des Monats den Kreuzbergslam im Lido, der von Marc–Uwe Kling, dem Autor der Känguru-Chroniken, initiiert wurde. Am Mittwoch stehen die „Surfpoeten“ auf dem Programm. Los geht’s um 21 Uhr im Pfefferberg. Neben musikalischer Zwischenunterhaltung gibt es hier auch ein offenes Mikrofon, an dem sich jeder selbst ausprobieren kann.

 

Donnerstags geht es zur „Chaussee der Enthusiasten“, der Heim- und Hofbühne von Dan Richter und der derzeit größten regelmäßigen Literaturveranstaltung Berlins. Als Kulisse dient der herrlich szenige RAW-Tempel in der Revaler Straße. Auch hier geht es um 21 Uhr los. Alternativ laden die „Brauseboys“ ins La Luz in den Wedding ein. Freitagabend ist lesebühnenfreie Zeit, dafür startet aber Samstagabend das Kantinenlesen in der Kulturbrauerei voll durch. Anschließend kann man hier noch in die Clubs des Areals weiterziehen oder gleich zum Feiern in der Alten Kantine bleiben – es sei denn, man möchte für den „Frühshoppen“ im Schlot um 12:30 Uhr am Sonntag fit sein. Zum festem Ensemble dieser Veranstaltung gehört auch Horst Evers, der inzwischen weit über die Grenzen Prenzlauer Bergs hinaus bekannt ist und mit Büchern wie „Für Eile fehlt mir die Zeit“ landesweit für Begeisterung sorgt. Wer diesen Termin nicht einhalten kann, hat Sonntagabend die Gelegenheit, die Lesebühnen-Woche in der „Reformbühne Heim & Welt“ im Kaffee Burger (dem Geburtsort der „Russendisko“ von Wladimir Kaminer) ausklingen zu lassen.

 

Um es mit den Worten von Dan Richter zu sagen, der das Kantinenlesen jede Woche mit seinem legendärem Rap ausklingen lässt, in dem er noch einmal die Highlights des Programms improvisiert zusammenfasst: „Das war’s für heut, das ist’s gewesen. Kommt bald wieder zum Kantinenlesen!“

 

Folgende Lesebühnen-Autoren sind mit Buchtipps bei uns vertreten:

 

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