Mit dem Tagebuch unsterblich werden

Altes Tagebuch mit Feder und Tinte

 

„Liebes Tagebuch, Dr. Trinker sagt, ich soll anfangen, Tagebuch zu führen, um meine Gedanken aufzuschreiben, und so tun, als würde ich Briefe an meine beste Freundin oder an mich selbst schreiben, und dass es mir dabei helfen wird, zu „verarbeiten“ und „weiterzumachen“.“ So begann Elizabeth Martin in Nichole Berniers Roman „Wolkentänzerin“ ihr Tagebuch. Sie war damals 12 Jahre alt. Bis zu ihrem plötzlichen Tod im Alter von 37 Jahren sollte sie die Gewohnheit nicht ablegen, Tagebuch zu führen. Auch ein anderes Mädchen begann im Alter von 13 Jahren ein Tagebuch – eines, das die ganze Welt lesen und sie bewegen würde: Anne Frank. Am 5. April 1944, vier Monate vor der Entdeckung des Hinterhauses und der Deportation der Franks in Konzentrationslager schrieb sie darin: „O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“

 

Das Tagebuch als gesprächiger Zeitzeuge


Das ist ihr gelungen: „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist inzwischen fester Bestandteil der Weltliteratur, gehört zum Weltdokumentenerbe der UNESCO und ist eines der eindrücklichsten Zeugnisse des Holocausts. In ihren Tagebuch-Einträgen, die sie zwischen dem 12. Juni 1942 und dem 1. August 1944 tätigte, können wir beinahe hautnah nachempfinden, was es bedeutete, sich als Jude vor den Nationalsozialisten verstecken zu müssen – stets in der Angst, entdeckt und ermordet zu werden. Für Anne Frank war das Tagebuch eine Art Therapie für das Leiden im Hinterhaus, für die Einsamkeit, ein Ersatz für Freundinnen, die ein 13-jähriges Mädchen haben sollte, für Liebe und Zuneigung. Anne lässt uns in ihrem Tagebuch direkt in ihre Seele blicken. Unzensiert. Genauso wie Millionen andere Menschen in ihrem Tagebuch Dinge festhalten, die sie niemals jemandem erzählen würden. Dinge, die nicht für die Augen anderer bestimmt sind, die aber einfach niedergeschrieben werden müssen, damit sie sich nicht in Kopf und Herz zu unentwirrbaren Knoten verdrehen. Die wenigsten dieser Menschen glauben, dass ihr Tagebuch einmal veröffentlicht werden sollte. Sie haben ihm so intime Dinge anvertraut, dass sie sich schämen würden, wüssten sie, dass Fremde sie eines Tages lesen würden. Oder aber sie glauben, dass nichts darin für andere Menschen von Relevanz wäre.

 

 

Die Wahrheit jedoch ist, dass Tagebücher zu den wichtigsten Zeitzeugnissen gehören, auf die wir Zugriff haben. Was jemand aufschreibt, wenn er sich unbeobachtet fühlt und nicht die Kritik eines anderen Menschen an seinen privatesten Gedanken fürchten muss, ist für nachfolgende Generationen zum Teil von unschätzbarem Wert. Dabei geht es nicht vorrangig um romantische Schwärmereien, wie sie junge Mädchen in ihren Tagebüchern festhalten, wenn ihnen das Herz in der Brust vor Verliebtheit zu platzen oder wenn der Liebeskummer ihre Seele zu zerreißen droht. Viel mehr geht es um die Alltäglichkeiten, die uns einen Einblick in das Leben zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, unter bestimmten Umständen geben. Johann Wolfgang von Goethe, Franz Kafka, Thomas Mann, Leo Tolstoi, Virginia Woolf, Rudi Dutschke, Max Frisch, Selma Lagerlöff, Erich Kästner und Joseph Goebbels hinterließen ihre Tagebücher für die Nachwelt und gaben so nachfolgenden Generationen nicht nur Einblick in ihr Schaffen, sondern auch in ihre Zeit, ihren Antrieb, ihre Gedankenwelt und in das, was sie bewegte. Sie alle sind inzwischen tot – und haben mit ihren Tagebüchern doch dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Ihr Tagebuch hat sie unsterblich gemacht, etwas von ihnen – ihre Seele – konserviert. Dieses Gefühl des Sich-unsterblich-machen-wollens hat Anne Frank sehr schön zusammengefasst. „Fortleben auch nach dem Tod.“

 

Nebeneffekt des Tagebuchs: Botschaften aus dem Jenseits

 

Mädchen mit Tagebuch auf einer WieseElizabeth Martin gelingt das in „Wolkentänzerin“ mit ihrem Tagebuch ebenfalls sehr gut. Nachdem sie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, soll ihre beste Freundin ihre Tagebücher als Treuhänderin an sich nehmen. Einen Sommer lang liest sie in den Büchern und lernt so eine Seite von Elizabeth kennen, die diese zu Lebzeiten sorgsam versteckt gehalten hat. Sie lebt in ihren Tagebüchern weiter und erfüllt mit ihnen einen letzten Zweck: Sie nimmt ihrer besten Freundin Kate die Angst vor den Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Das Tagebuch funktioniert hier wie eine letzte Botschaft aus dem Totenreich – ein Stilmittel, dessen sich viele Autoren sehr gerne bedienen. Fiktive Tagebücher, wie etwa Octave Mirbeaus „Tagebuch einer Kammerzofe“ oder William L. Pierces „The Turner Diaries“, sind Auswüchse dieser Tagebuchliteratur und verfolgen in der Regel in der Wahl dieses Stilmittels einen ganz besonderen Zweck. Und so behält wahrscheinlich jeder, der ein Tagebuch schreibt, diese wage Möglichkeit in Erinnerung, dass das, was er dort dem Papier anvertraut, nicht ewig ein Geheimnis bleiben wird. Nach seinem Tod könnte das Tagebuch von Anderen gelesen werden, von zufälligen Findern oder von denen, denen man es anvertraut hat, von denen, die man liebte und die einem nahe standen. Das ist die Unsterblichkeit, die im Tagebuchschreiben liegt. Sie nimmt denen, die sie nicht ertragen können, ein bisschen die Angst vor dem Thema Tod und Sterben: Ich kann hier noch etwas sagen, was ich sonst schweigend mit mir ins Grab nehmen würde. Und mit etwas Glück gelangt die Botschaft irgendwann sogar an ihren Adressaten.

Lesen Sie als prominentes Beispiel das Tagebuch von Astrid Lindgren aus den Jahren 1939 bis 1945: "Die Menschheit hat den Verstand verloren: Tagebücher 1939-1945".

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