Nachkriegsliteratur – Schreiben in Schutt und Asche

 

Ruinen des Weltkriegs als Kulisse für die NachkriegsliteraturAls Nachkriegsliteratur bezeichnet man jene Literatur, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Gemeint ist in der Regel der Zeitraum zwischen 1945 und 1950, manchmal weitet man ihn aber auch bis zum Zerfall der Gruppe 47 im Jahr 1967 aus. Das Bild, das sich den Schriftstellern damals bot, muss ein grauenvolles gewesen sein: zerstörte Städte, Flüchtlingsströme, Hungersnot, Lebensmittel-rationierung, Wohnungsmangel und über allem der Schatten von Verlust. Keine Familie, die keine Toten zu beklagen hatte. Die Bezeichnung „Trümmerliteratur“, ein Synonym für Nachkriegsliteratur, ist deshalb nicht weit hergeholt. Neben den Städten in Schutt und Asche meint dieser Begriff aber auch die Ideale und Utopien, die mit den Gebäuden zu Fall kamen. Es war ein Ende – und zugleich auch ein Neuanfang, der sich in dem Begriff „Literatur der Stunde Null“ widerspiegelt, Literatur zwischen Untergang und Aufbruch. 1945 existierte nichts mehr, auf dem man hätte aufbauen können. Nichts, was vor dem Krieg galt, hatte noch Gültigkeit. Es brauchte einen neuen Weg, um mit dieser Situation zurecht zu kommen, doch wie macht man weiter, wenn die Welt in Schutt und Asche liegt?

 

Eine Spaltung geht durch die Nachkriegsliteratur


Diese schwierige Frage, der sich die Schriftsteller der Nachkriegsliteratur unweigerlich stellen mussten, führte zur tiefen Spaltung der Literaturszene. Sie ist einerseits politisch bedingt: Die Nachkriegsliteratur entwickelte sich in der östlichen und westlichen Besatzungszone unterschiedlich. Doch die Spaltung ging noch viel tiefer und resultiert aus den verschiedenen Bestrebungen der beiden Gruppen, die die Nachkriegsliteratur bestimmten. Das waren zum einen die ehemaligen Exilautoren, die nun zurückkehrten und bereit waren, wie etwa Alfred Döblin, den Deutschen bei der Auf- und Verarbeitung des Erlebten zu helfen. „Sie haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben. Es ist schwer. Ich möchte helfen“, schrieb er damals noch voller Hoffnung. Doch neben denen, die ins Exil ins Ausland gegangen waren, gab es auch die, die in Deutschland geblieben waren und sich in die Innere Emigration geflüchtet hatten. Innere Emigration, das bedeutet,  dass man sich der Gesinnung nach von den Nationalsozialisten distanzierte, aus unterschiedlichen Gründen aber in Deutschland blieb.

 

Wer das ausgestanden hatte – Thomas Mann nannte sie die „Ofenhocker des Unglücks“ – der wollte zum überwiegenden Teil einfach nur vergessen. Er wollte das Erlebte verdrängen und hielt in der Regel recht wenig von den Aufarbeitungsbestrebungen der Rückkehrer. Ähnlich dem Biedermeier nach den Napoleonischen Kriegen besann man sich auf die gute alte Zeit vor dem Krieg zurück, auf christliche und bürgerliche Werte, und knüpfte mit einfacher, gepflegter Prosa, die sich zum Feierabendbier konsumieren ließ, an die Zeit „davor“ an. Vorwürfe, die Exilautoren hätten „aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie“ zugeschaut (Frank Thiess), verstärkten die Kluft, die quer durch die Nachkriegsliteratur ging. Die Rückkehrer auf der anderen Seite, etwa Hannah Arendt, konnte nicht begreifen, wie man in Deutschland so weitermachen konnte, als wäre nichts gewesen. Arendt hatte eine Reaktion auf die Ereignisse erwartet. Stattdessen sprachen die Menschen Deutsch, als sei nichts geschehen, und schrieben „einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen, den öffentlichen Gebäuden und Brücken, die es gar nicht mehr gibt." Aus dieser Sprache fühlte sie sich ausgebürgert, während es sich die anderen zum überwiegenden Teil gut eingerichtet hatten im alten Haus der Sprache. Kein Wunder, dass Thomas Mann die Rückkehr aus dem Exil ablehnte. Er habe sich „durch die Zeit der NS-Diktatur von seiner Heimat entfremdet“, sagte er und vertiefte damit die Spaltung der Nachkriegsliteratur.

 

Die alte neue Sprache der Nachkriegsliteratur


Trümmer in Bremen - Kulisse NachkriegsliteraturDoch wie machten sie nun weiter? Was kennzeichnet die Nachkriegsliteratur? Nur wenige von ihnen setzten das Erlebte in eine radikale Sprache um. Etwa Wolfgang Koeppen, der schrieb: „Flieger waren über der Stadt, unheilverkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen." Die meisten Schriftsteller der Nachkriegsliteratur nutzten die schöne Sprache als Seelentröster, flüchteten sich in konservative Literatur. Experimentierfreude gab es wenig. Stattdessen herrschte ein „besinnungsloses Weiterschreiben“, wie Willy Winkler in der „Zeit“ schreibt. Man fand Geborgenheit, Sicherheit und Halt in dem, was man kannte und daran hielt man sich. Winkler versteht das so: „Die Politiker machten weiter, die Wirtschaftsführer machten weiter, warum sollten da nicht die Schriftsteller weitermachen […]?“ Nur wenige widersetzten sich dem, etwa Hans Magnus Enzensberger mit seiner„geburtsanzeige“, Heinrich Böll und Siegfried Lenz.

 

Die anderen Enttäuschten gingen ins zweite Exil ins Ausland und blieben dort, wie Thomas Mann, oder gingen in die DDR. Dort wurde die Nachkriegsliteratur recht schnell homogen. Sie thematisierte zunächst einheitlich die staatliche Einflussnahme und die beherrschende Stellung heimgekehrter kommunistischer Emigranten und wandte sich dann unter staatlicher Führung dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu. Doch staatliche Kontrolle gab es auch in der BRD. Literatur, die sich nicht wunschgemäß sentimental-weinerlich, wehleidig, pathetisch und klassizistisch zeigte und Sitte und Anstand wahrte, wurde verschmäht und abgestraft.

 

Was wir in der westdeutschen Nachkriegsliteratur also finden, sind zarte Gehversuche in Prosa, die sich in der NS-Zeit unglaubwürdig gemacht hatte, etwa Hesses „Glasperlenspiel“ (eigentlich Exilliteratur, 1943) oder Thomas Manns „Doktor Faustus“, und viele Kurzgeschichten nach dem Beispiel der amerikanischen Short Story (William Faulkner, Ernest Hemingway und Edgar Allan Poe). Hier sind Borcherts „Die Küchenuhr“, „An diesem Dienstag“ und „Die Kirschen“ hervorzuheben. Es gab auch einige wenige bedeutende Dramen, wie Borcherts „Draußen vor der Tür“, das der jungen Generation eine Identifizierungsmöglichkeit bot, und Zuckermeyers „Des Teufels General“, Weisenborns „Die Illegalen“ und Brechts „Mutter Courage“. Vor allem aber gab es Gedichte. Die Lyrik war für die Autoren der Nachkriegsliteratur die beste Möglichkeit, Gedanken, Erfahrungen und Empfindungen auszudrücken. Sie agierte im Spannungsfeld zwischen Aufbruch- und Untergangsstimmung, wagte aber keinen poetischen Neubeginn. Ihre wichtigsten Vertreter waren Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Günter Eich und Karl Krolow.

 

Verschaffen Sie sich einen Eindruck von der Nachkriegsliteratur. Dafür haben wir Ihnen hier ausgewählte Werke zusammengestellt.


 

Wie es wirklich im Nachkriegs-Europa war, lesen Sie in Keith Lowes Bestseller "Der wilde Kontinent", einem Sachbuch, das sich mit Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950 auseinandersetzt.


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