Norwegische Krimis: Knallharte Frauendomäne

 

Szene aus einem norwegischen Krimi, NordlichtWer skandinavische Krimis mag, der kann – und sollte – durchaus über den Tellerrand der Schwedenkrimis hinaus blicken. Norwegische Krimis stehen den Romanen aus dem Nachbarland in nichts nach und haben mitunter sogar noch einiges mehr zu bieten. Die kargen Hochebenen Norwegens, die unzähligen, düsteren und kristallklaren Fjorde, die entlegenen Ebenen, einsamen Inseln und hohen Gebirgsketten im Osten – aber auch die Großstädte – erweisen sich darin als optimale Schauplätze. Die Charaktere und Grundzüge der norwegischen Krimis ähneln denen ihrer schwedischen Nachbarn.

 

Interessant ist jedoch, dass der norwegische Krimi von weiblichen Autoren dominiert wird. In der ersten Riege sind dort Anne Holt und Kim Småge zu nennen, denen – mit einigem Popularitätsabstand Karin Fossum, Kjersti Scheen, Magnhild Bruheim, Pernille Rygg und May B. Lund folgen. Natürlich gibt es auch Männer am norwegischen Krimi-Himmel – Jo Nesbø ist hier eindeutig ganz vorne mit zu nennen – doch die Bestsellerlisten zieren im Wesentlichen Frauennamen aus Norwegen. In Schweden hingegen sind es in der Regel die Männer – Arne Dahl, Ake Edwardson, Björn Larsson, Håkan Nesser, Leif GW Persson und natürlich Hennig Mankell – die dafür sorgen, dass der Krimi in aller Munde ist.

 

Die Königin der norwegischen Krimis: Anne Holt


Die norwegischen Krimiautorinnen gehen dabei nicht weniger schonungslos mit ihren Lesern um, sind nicht weniger brutal in ihren Schilderungen und vorsichtiger in ihrer Gesellschaftskritik, als die Männer aus dem Genre der skandinavischen Krimis. Eher im Gegenteil. Anne Holt, die Königin des norwegischen Krimis, ist dafür bekannt, äußerst offenherzig über ihre Erfahrungen im Polizeidienst, als Rechtsanwältin und Justizministerin zu berichten, und viele Dinge einzubinden, die sie in dieser Zeit erlebt und gesehen hat. Ihren Büchern merkt man die Sorgfalt an, mit der sich Anne Holt an die Konzeption ihrer beliebten norwegischen Krimis begibt. Krimi-couch.de zitiert sie: „Das Erfinden und Ausschmücken der Figuren liebe ich am meisten am Schreiben. Schreiben an sich macht keinen Spaß – tatsächlich hasse ich es sogar.“ Anne Holt schreibt nicht um des Schreibens wegen, sondern weil sie gute Geschichten erzählen möchte. Sie füllt keine Seiten mit Dingen, die vollkommen irrelevant für die Geschichte sind, sondern sie fokussiert sich, ist präzise in ihrer Ausdrucksweise und in ihren Plots – und kreiert damit absolut überzeugende und nicht selten überraschende Effekte.

 

Anne Holt weiß, dass sie gnadenlos sein muss, wenn sie ihre Botschaft transportieren will. Und auch die hat es nicht selten in sich. In ihrem Buch „Gotteszahl“ schreibt Anne Holt über „den Hass, über die sehr feine Grenze zwischen dem Hass des Wortes und dem der Tat“ (revolverblatt-magazin.de). Im Roman lässt sie die Bischö?n Eva Karin Lysgaard von christlichen Fundamentalisten ermorden. Grenzbereiche sind die Spezialität von Anne Holt. Mit beinahe chirurgischer Präzision nähert sie sich ihnen in den beliebten Krimis um Hauptkommissarin Hanne Wilhelmsen. In „Die Wahrheit dahinter“ beispielsweise lässt sie dunkle Seiten ihrer Protagonistin offenbar werden, die selbst der Autorin irgendwann unheimlich zu werden scheinen. Wie mit dem Skalpell geschnitten treibt sie die Themen Schuld und Sühne auf die Spitze und kreiert komplexe Gefühlswelten, wie sie wohl nur aus der Feder einer Frau stammen können. Ähnliches kann man wohl auch von Kim Småge behaupten – ebenfalls eine der Spitzenautorinnen des Genres der norwegischen Krimis. Ihre Krimis sind eigenwillig, sehr literarisch, wunderbar geschrieben und durchsetzt von einer Atmosphäre, die so beklemmend ist, dass man sich als Leser dennoch des Öfteren zum Weiterlesen zwingen muss. Die Buchdeckel der Krimis von Kim Småge fungieren dabei jedoch als Schraubstöcke, die sich fest um den Leser winden und eine Flucht unmöglich machen. Auch hier braucht es wieder ein besonderes empathisches Gespür für Situationen, Stimmungen und Momente – eine Kunst, die die norwegischen Krimiautorinnen wunderbar zu beherrschen scheinen.

 

Männliche Unterstützung für norwegische Krimis


Szene aus norwegischen Krimis, trügerische IdylleWeitere Begriffe, die bei der Auseinandersetzung mit den Autorinnen norwegischer Krimis ins Auge stechen, sind „sensibel“, „raffiniert“, „psychologisch fein“, „unnachsichtig“ und „schmaler Grat“. Mit ihrer Hilfe versuchen Leser das in Worte zu fassen, was das Erlebnis der Krimis aus Norwegen ausmacht. Auch Jo Nesbø spricht man zu, mitunter gefühlvoll und weich erzählen zu können, doch Nesbø wiegt seine Leser dann nur in Sicherheit, bevor er die Welt mit voller Wucht über ihnen einstürzen lässt. Norwegische Krimis von Jo Nesbø entfalten einen zerstörerischen Strudel. Er verlangt seinen Lesern volle Konzentration ab und gibt sich nicht mit weniger als 100 % der Aufmerksamkeit zufrieden. Sein Meisterstück hat er mit „Rotkelchen“, dem dritten Fall für Harry Hole, abgeliefert, einem Buch, das von seinen Lesern uneingeschränkt zum besten norwegischen Krimi aller Zeiten gewählt wurde. Der Suchtfaktor der Romane von Jo Nesbø ist außergewöhnlich hoch. Auch das mag dem norwegischen Krimi sehr zu deinem Renommee verholfen haben.

 

Aber auch andere norwegische Krimiautoren müssen sich nicht verstecken. Gunnar Staalesen hat mit seinem Kommissar Varg Veum eine Art norwegischen Wallander geschaffen, eine Kultfigur, die dem Leser trotz aller Schrullen schnell ans Herz wächst. Ein weiterer Norweger, der Henning Mankell als dem skandinavischen Krimikönig Konkurrenz macht, ist Kjell Ola Dahl mit seinem Kriminalkommissar Gunnarstranda, der sich in „Sommernachtstod“ als absolut ebenbürtig entpuppt und in „Schaufenstermord“ nicht zuletzt durch feine Zwischentöne und ein Gespür für besondere Augenblicke überzeugt. Norwegische Krimis sind also wirklich nicht zu verachten und sollten auf jeden Fall auf der Leseliste stehen, wenn man Krimis aus dem hohen Norden mag. Die feinen, kleinen Unterschiede zwischen schwedischen und norwegischen Krimis werden dem geneigten Leser früher oder später auffallen, doch er wird beide Eigenarten schätzen und lieben lernen. 

 

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