Ohne die Exilliteratur wüssten wir das nicht

 

Mann läuft einen einsamen Weg entlangDie Exilliteratur ist das Gedächtnis der Opposition im Dritten Reich, die Sammlung der Stimmen, die sich allen Widerständen zum Trotz erhoben haben, die Gruppe der Texte und Bücher, ohne die wir heute viel weniger über die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland wüssten. Der Exilliteratur verdanken wir es, dass wir heute annähernd eine Vorstellung davon haben, was damals in Deutschland vor sich ging – und das einfach nur deshalb, weil die Autoren ihre Aufgabe, Stimme eines Landes, Chronisten ihres Volkes zu sein, ernst nahmen – und dafür diesem Land auch den Rücken zukehrten.

 

Die Nationalsozialisten erkannten schnell, wie gefährlich ihnen frei und kritisch denkende Schriftsteller werden konnten. „Einmal entsandt, fliegt das Wort unwiderruflich dahin“, sagte schon der römische Dichter Horaz und so war es gleich das erste Ziel nach der Machtergreifung 1933, zu verhindern, dass unerwünschte Worte in die Welt hinausgetragen wurden. Viele Schriftsteller erkannten die Zeichen der Zeit und setzten sich bereits direkt nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 ins Exil ab. Eine zweite Welle von Emigranten gab es nach der Bücherverbrennung im Mai 1933, als unter anderem die Werke von Sigmund Freud, Erich Kästner, Karl Marx, Heinrich und Klaus Mann in Flammen aufgingen. Die Literatur gleichschalten, kritische Stimmen zum Schweigen bringen, das war das Ziel. In diesem Zuge wurden sämtliche Schriftstellerorganisationen verboten und ihre Mitglieder in der Reichsschrifttumskammer zusammengefasst.

 

Was wir der Exilliteratur heute verdanken

 

In einer solchen Atmosphäre ist die Arbeit des Schriftstellers praktisch unmöglich, wenn er sich nicht vorschreiben lassen möchte, was und wie er zu schreiben hat. Die Exilliteratur ist kein neues Phänomen und keines, das spezifisch an den Nationalsozialismus gekoppelt ist, doch das, was sich zu dieser Zeit in Deutschland abspielte, war ohne jedes historische Beispiel. Wer sich nicht mundtot machen lassen, Worte und Gedanken verbieten lassen wollte, hatte eigentlich keine andere Wahl, als sich ins Exil zu begeben – sei es körperlich oder wenigstens geistig. So unterscheidet man Exilliteratur in die Migrantenliteratur und in die Literatur der inneren Emigration. Während der erste Begriff jene Autoren meint, die tatsächlich ins Exil gegangen sind (z. B. Alfred Döblin, Leonhard Frank, Klaus, Thomas und Heinrich Mann), meint der Zweite jene Autoren, die in Deutschland blieben, um versteckt in kunstvollen Texten oppositionelle Gedanken zu verbreiten.

 

Ohne diese Autoren der Exilliteratur gäbe es heute in der deutschen Literatur ein großes schwarzes Loch, eine Unbekannte. Was wüssten wir ohne die Exilliteratur über die Zeit des Nationalsozialismus, was wäre aus dieser Zeit überhaupt literarisch überliefert? In den Büchern dieser Jahre würde nichts von den Gräueltaten und Unmenschlichkeiten der Nationalsozialisten stehen. Was wir heute aus dieser Zeit hätten, wäre gleichgeschaltete Blut- und Bodenliteratur, rückwärtsgewandt, historisch verklärend, stets bestrebt, eine historische Legitimation des Dritten Reiches und des Führersystems zu erwirken. Die Nationalsozialisten hatten ein Selbstbild, das sie in den Büchern widergespiegelt sehen wollten: heroisch, stolz, traditionsbewusst, christlich und absolut konservativ, hervorgegangen aus einem großen Volk und geboren, dessen rechtmäßiges Erbe anzutreten. Diese Bücher wurden von den Nationalsozialisten nicht nur besonders gefördert, sondern sogar speziell in Auftrag gegeben. Konflikte und Kritik konnte es in diesen Texten überhaupt nicht geben. Mit anderen Worten: Die Bücher dieser Zeit sollten die Menschen in trügerische Sicherheit einlullen – und sie waren sterbenslangweilig. Und so ist es kein Wunder, dass die Menschen, als es hieß, man sammle Bücher für die Front, nur zu bereitwillig jene nationalsozialistischen Bücher herausrückten und dann unter der Hand die Bücher handelten, die auf dem Index standen, die verboten waren oder die eigentlich gar nicht existieren durften.

 

Die Exilliteratur brachte Wissen in Sicherheit

 

Freiheitsstatue im SonnenuntergangAls die Schriftsteller, die wir heute der Exilliteratur zuordnen, ins Ausland gingen, da brachten sie also etwas von dem Wissen über die tatsächlichen Zustände in Deutschland im Ausland in Sicherheit. Sie stellten so sicher, dass jemand darüber schreiben konnte, der dabei gewesen war, der erlebt hatte, was dort vor sich ging. Die Exilliteratur ist also als unmittelbares Zeitdokument zu verstehen. Das gilt sowohl für die Migrantenliteratur als auch für die Literatur der inneren Emigration. Die Autoren organisierten sich im Ausland, gründeten Verlage und publizierten gemeinsam gegen das Schweigen und die Gleichschaltung. Diese Verlage im Ausland waren es auch, die die Bücher daheimgebliebener Schriftsteller veröffentlichten, die in Deutschland ein Publikationsverbot erhalten hatten, oder die sich nicht trauen konnten, dort zu veröffentlichen. Ihnen verdanken wir es, dass wir heute über literarische Zeitzeugnisse unterschiedlichster Art verfügen.

 

Die Exilliteratur hatte zwei wesentliche Themenkomplexe: zum einen die Verhältnisse in der Heimat, zum anderen die Exilerfahrung selbst. In den Büchern über die Exilerfahrung beschäftigten sich die Autoren mit dem Verlust der Heimat, des Sprachraums, mit der neuen, fremden Umgebung, mit dem Ausgeschlossensein, dem Nichtdazugehören. Wesentlich wichtiger sind aber – global gesehen – jene Bücher, die sich in der einen oder anderen Form mit den Verhältnissen in Deutschland beschäftigten. Gerade bei den Autoren, die tatsächlich im Exil lebten, war das keine leichte Aufgabe, denn nach der Emigration war es schwer, an verlässliche Informationen aus Deutschland zu kommen. Es fehlte den Schriftstellern also bald die Nähe, um genau berichten zu können, was dort geschah. Doch die Autoren wussten sich zu helfen und erzählten im übertragenen Sinne von dem, was sich in der Heimat abspielte, indem sie zum Beispiel in historische Stoffe flohen (z. B. Heinrich Mann „Henri Quatre“) oder das epische Theater bedienten (z. B. Bertolt Brecht „Mutter Courage und ihre Kinder“). Nur wenige Autoren beschäftigten sich in ihren Büchern ausdrücklich mit dem Naziregime, namentlich Anna Seghers in „Das siebte Kreuz“ und Klaus Mann in „Mephisto“. Ähnlich war es auch mit den Autoren der inneren Emigration: Weil es natürlich zu jenem Zeitpunkt vollkommen unmöglich war, in Deutschland oppositionelle Gedanken zu äußern, wurden die kritischen Inhalte in kunstvolle Wendungen und in einen ausgefeilten, an literarischen Traditionen geschulten Stil verpackt, sodass die oppositionelle Haltung darin nicht einwandfrei nachweisbar war. Im Zweifel war die Weste der Autoren dann noch immer blütenweiß.

 

Heute dienen uns diese Bücher als Indizien dafür, was es damals bedeutete, in Deutschland zu leben. Die Exilliteratur mag kein neues Phänomen gewesen sein, doch ihr verdanken wir vor allem für die Zeit zwischen 1933 und 1945 so viel. Man mag sich kaum ausmalen, was uns heute ohne sie fehlen würde. Stöbern Sie deshalb einmal durch unsere Autoren und Buchtipps aus dem Genre der Exilliteratur:

 

Viele von ihnen begegnen sich auch in Volker Weidermanns Roman "Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft", der 2014 erschienen ist.

 

An die Exilliteratur und den Zweiten Weltkrieg schloss sich dann die Nachkriegsliteratur an. Lesen Sie mehr.

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