Religion als sicherer Fels in der Brandung

 

Religion Rosenkranz aus dem ChristentumIm März 2013 veröffentlichte der Psychiater und Neurologe James Griffith das Buch „Religion hilft, Religion schadet“, in dem er den Glauben als Quell unserer (geistigen) Gesundheit bezeichnet. Griffith argumentiert auf Basis seiner Untersuchungen, dass religiöse Überzeugungen und Rituale die Gesundheit stärken und als therapeutische Interventionen sinnvoll in die Behandlung seelischer Leiden einbezogen werden können. Damit schlägt er einen verhältnismäßig neuen Weg in der Psychoanalyse ein, die bislang von einer konsequenten Glaubensskepsis geprägt war. Doch es lässt sich nicht leugnen, dass immer mehr Menschen nach einer festen Konstante in ihrem Leben suchen, die Halt und Geborgenheit und feste Werte und Normen vermittelt – Dinge, die uns in unserer schnelllebigen, unverbindlichen Gegenwart immer stärker verloren gehen.

 

Religion ordnet unser Leben in den Rahmen einer größeren Geschichte ein. Das Leben hat dann eine Aufgabe, ein Ziel, eine Motivation. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich nicht mehr – oder sie stellt sich anders, weil das Leben des Einzelnen eben Teil eines größeren Plans ist. Dass die Sehnsucht danach besteht, zeigt sich in der Vielzahl der Lebenshilfe-Ratgeber, die Antworten auf die große Sinnfrage verheißen, die versuchen, die Leere zu füllen, die sich in vielen Menschen auftut, und die den Lesern etwas geben wollen, woran sie sich in turbulenten Zeiten festhalten. Doch diese Vielzahl von Selbsthilfe-Ratgebern und religiös geprägten Büchern zeigt auch: In unserer Panik und Hilflosigkeit sind wir erstaunlich beliebig geworden. Wir wählen uns unter der Fahne des gefeierten Multikultis aus allen Kulturen und Religionen etwas aus, was uns gefällt und was uns richtig erscheint. Yoga aus Indien, die Kunst der Gelassenheit und der Harmonie im Feng Shui und Zen aus China, den Glauben an Karma aus dem Buddhismus und schließlich traditionell christliche Werte.

 

Religion als aufrichtiges beidseitiges Commitment


Sie alle mischen wir zu einem bunten Cocktail an leicht bekömmlichen Werten und Glaubensvorstellungen. Das, was uns nicht passt, lassen wir einfach weg. Das heißt zugleich, dass wir uns nicht mehr binden – weder an eine Religion, noch an eine Tradition, noch an Rituale und Gemeinschaften – und damit die Existenz von Konsequenzen verneinen. Wenn uns die Konsequenz aus einem Fehlverhalten nicht passt, leugnen wir sie, ersetzen sie durch eine neue Philosophie und waschen uns damit von aller Schuld rein. Doch zugleich bedeutet das auch, dass wir keinen festen Rettungsanker haben, keinen Leitfaden, an dem wir uns entlang hangeln können, der unerschütterlich ist, egal, was das Leben bringt. Wenn wir unsicher sind, Hilfe brauchen, Rat oder einfach nur einen Fels in der Brandung, dann gibt es so viele Richtungen, in die wir uns wenden können, doch sie alle sind jeweils nur die Andeutung einer Rettung. Im Zweifelsfall würden sie uns alle im Stich lassen, weil wir nicht bereit sind, sie in der Tiefe zu durchdringen und die damit verbundenden Konsequenzen – auch die negativen – zu tragen.

 

Denn mit der Religion verhält es sich ein bisschen wie mit der Kindererziehung: Eltern geben ihren Kindern Schutz, Sicherheit und Geborgenheit, aber sie erkennen in der Regel auch, wann sie sich auf die falsche Bahn begeben, im Begriff sind, einen Fehler zu machen oder sich (und/oder anderen) weh zu tun. Um das zu verhindern, ist es auch manchmal notwendig, dass sie laut werden, Stubenarrest erteilen und ein Fernsehverbot aussprechen. Ihre Reaktion hilft dem Kind aber, zu erkennen, dass es sich falsch verhalten hat oder dass es sich in Gefahr begeben hat. Es lernt den Unterschied zwischen Richtung und Falsch selbst zu erkennen und bekommt so Normen und Werte vermittelt. Sich aus allen Religionen nur das herauszupicken, was nicht weh tut, ist letztendlich nichts anderes als antiautoritäre Erziehung – und dieses Konzept gilt inzwischen einheitlich als gescheitert. Denn gesellschaftlich gesehen erfüllt die Religion eine ähnliche Rolle: Herunter gebrochen auf das Wesentliche ist Religion eine Ansammlung von Geschichten, die dazu dienen, Werte zu vermitteln. Schon lange bevor es so etwas wie Weltreligionen überhaupt gab, erzählten sich die Menschen Geschichten, deren Moral das Überleben der Gruppe sichern sollte und Regeln für das Miteinander aufstellten. Darin ähneln diese Geschichten den Märchen: Geh nicht in den dunklen Wald, vertraue niemals dem Wolf, begehre nicht deines Nächsten Haus, Weib, Knecht oder Magd und töte nicht. Das alles sind klare Orientierungshilfen in dieser Welt. Sie legen die Spielregeln fest und implizieren Konsequenzen, die alle dazu ermahnen, sich daran zu halten.

 

Religion als verlässlicher Rahmen für das eigene Leben


Auf der anderen Seite schufen Religionen zu allen Zeiten einen Rahmen, in dem der Mensch lebte und sein Leben einordnen konnte. So vieles konnte er sich nicht erklären und auf seiner Suche nach einem Sinn kreierte er Schöpfer und Götter, deren Willen seinem Leben eine Richtung gab. Der britische Sozialwissenschaftler Bronislaw Malinowski formulierte dazu, Religion sei notwendig, „um die niederschmetternde, lähmende Vorahnung von Tod, Unheil und Schicksal zu überwinden.“ Das heißt, um zu glauben, dass all diese Dinge nicht willkürlich geschehen, sondern, dass es einen größeren Plan gibt, in dem jeder von uns seine Aufgabe zu erfüllen hat.

 

Religion islamisches GebetAuch die biblische Schöpfungsgeschichte ordnet den Menschen in einen größeren Kontext ein, erklärt ihm, woher die Welt kommt und nicht zuletzt woher er selber kommt und wohin er geht. Wie die Gebote und die religiösen Texte – wie die Bibel, ein von Menschenhand niedergeschriebenes Werk, das Jahrhunderte nach der eigentlichen Offenbarung niedergeschrieben worden ist – dann von der Glaubensgemeinschaften und ihren Anhängern interpretiert werden, ist wiederum eine andere Frage. Nicht umsonst sagte Karl Marx in seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, in der er die Religion auch „Opium des Volkes“ nannte: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“  Dass diese Interpretation dann zuweilen extremistische Züge annimmt und dazu genutzt wird, andere Menschen und Religionsgruppen auszugrenzen und Kriege zu rechtfertigen, ist eine andere Geschichte und soll keinesfalls gerechtfertigt werden.

 

Doch Tatsache ist, dass die Religion an sich ihren Teil dazu beiträgt, dem Menschen im steten Sog der Zeit und der sich überstürzenden Ereignisse Sicherheit und Beständigkeit zu geben. Dass sie die Fähigkeit hat, Menschen zusammenzuführen, zu einen, ihnen ein gemeinsames, größeres Ziel vor Augen zu setzen (auch wenn dieses Ziel von manchen Glaubensführern missbraucht und in sein Gegenteil verkehrt wird, nämlich dann, wenn sich eine Religion über alle anderen erheben will) und dass sie Hoffnung verleiht. In trostlosen Zeiten kann sie ein Rettungsanker sein, etwa wenn wir einen geliebten Menschen verlieren oder uns selbst mit den Themen Tod und Sterben konfrontiert sehen. Religion kann auch eine Leere füllen, die viele von uns empfinden und die sie immer wieder dazu treibt, Ratgeber für Lebenshilfe in die Hand zu nehmen und darin nach Antworten auf ihre drängenden Fragen zu suchen. Die Religionen haben auf diese Fragen häufig schon ihre ganz eigenen Antworten gefunden. An diese kann man glauben, oder nicht, aber man spürt, dass man nicht alleine ist mit diesen Gedanken und schon allein so kann Religion Trost und Geborgenheit spenden. Dafür muss man sich aber wirklich auf sie einlassen und sich für das gesamte Konzept öffnen – nicht nur für die Teile, die einem angenehm erscheinen.


Wir empfehlen diese Bücher über Religion:

 

 

Ein sehr gutes Buch, das das Thema Religion für Kinder verständlich erklärt, ist "Wie heißt dein Gott eigentlich mit Nachnamen? - Kinderfragen zu fünf Weltreligionen". 

 

Diese Romane und Dramen rund um das Thema Religion legen wir Ihnen ans Herz:

 

Lesen Sie auch diese Biografien rund um das Thema Religion:

 

 

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