Skandinavische Krimis und der globale Erfolg

 

Idylle als Kontrast zu skandinavischen KrimisMan kann wohl zu jedem beliebigen Zeitpunkt einen Blick auf die Bestsellerlisten werfen und wird dort immer ziemlich weit oben wenigstens einen Vertreter aus dem Genre skandinavische Krimis finden. Aus dem kurzzeitigen Hype ist inzwischen ein langfristiger Trend geworden und die skandinavischen Krimis sind aus den deutschen Buchläden schon längst nicht mehr wegzudenken. Sie haben etwas an sich, dem wir uns einfach nicht entziehen können. Vielleicht ist es der Klang des Wortes Skandinavien, das wir sofort mit einer unendlich weiten Seen- und Fjordlandschaft verbinden, mit einsamen Hügeln und idyllischen Dörfern, in denen rot-weiße Holzhäuser das Straßenbild prägen. Vielleicht liegt es daran, dass wir mit Büchern von Astrid Lindgren aufgewachsen sind und uns in Skandinavien deshalb irgendwie heimisch fühlen. Doch dann liegt eine gewisse Ironie darin, dass wir es den skandinavischen Krimis erlauben, genau diese Idylle zu zerstören und sie in ihr genaues Gegenteil zu verkehren. Denn skandinavische Krimis sind weiß Gott nicht zimperlich mit den Beschreibungen grausamer Gewaltverbrechen. Sie lassen uns erschauern, gehen unter die Haut und versetzen die Seele, die einst durch Bullerbü tollte, in Angst und Schrecken. Wir wollen deshalb versuchen, dem Geheimnis skandinavischer Krimis auf die Spur zu kommen. Mal sehen, ob wir es in der Recherche mit den Ermittlern aufnehmen können, die wir in den skandinavischen Krimis immer so bewundern.

 

Was skandinavische Krimis auszeichnet

 

 

Um zu verstehen, warum skandinavische Krimis so erfolgreich sind, muss man sich vergegenwärtigen, was in Skandinavien anders ist als in anderen Teilen der Welt. Schnell fallen einem dann lange, dunkle Winter ein. Im hohen Norden wird es manchmal über Wochen hinweg nicht richtig hell, an einigen Tagen schafft es die Sonne gar nicht über den Horizont. Dieser Nacht, die nicht enden zu wollen scheint, wohnt unendlich viel Krimipotenzial. Die Nacht verhüllt die grausamen Taten, sie regt aber auch die Vorstellungskraft an. Das Phänomen kennt man: Allein in einer dunklen Wohnung ist man in der Lage ganze Horrorszenen zu entwickeln, die einem im Traum nicht einfallen würde, wenn man tagsüber mit anderen Menschen in der gleichen Wohnung Kaffee trinkt. Doch die Dunkelheit hat auch noch andere Auswirkungen auf die Menschen in Skandinavien: Wo die Sonne fehlt, gerät der Hormonhaushalt ins Wanken. Das „Glückshormon“ Endorphin wird in geringeren Mengen ausgeschüttet. Winterdepressionen sind deshalb in den Ländern des hohen Nordens keine Seltenheit. Da kann sich ein Autor an einem langen, dunklen Abend schon einmal in melancholischer Grübelei verlieren, die dann in einen wahnsinnig spannenden skandinavischen Krimi mündet. Zudem bieten die mit den Depressionen einhergehenden sozialen Probleme - Alkoholismus, häusliche Gewalt, Vernachlässigung etc. - jede Menge Stoff für die Krimis aus dem Norden, die seit den 1970er Jahren für ihre Sozialkritik bekannt sind.

 

Enlose Weiten, wie sie in schwedischen Krimis vorkommtAuf dieser Basis sind die besten Voraussetzungen für gute skandinavische Krimis gegeben. Hinzu kommen die große Weite und die Einsamkeit der Landschaft. Mit einer Bevölkerungsdichte von 3 (Island) bis 20 (Schweden) Einwohnern pro Quadratkilometer ist Skandinavien praktisch eine menschenleere Ödnis, vergleicht man sie mit Deutschland, wo durchschnittlich 228 Einwohner pro Quadratkilometer leben. Hier gibt es also viel Raum für Verbrechen, die niemals ans Tageslicht kommen, viel Raum für Geheimnisse. Menschenleere Moore bieten die perfekte Szenerie für grausame Gräueltaten, bei denen die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass sie jemals aufgedeckt werden – es sei denn, es sind die hervorragenden Ermittler am Werk, die die skandinavischen Krimis üblicherweise bevölkern. Auch ein weiterer Faktor darf hier bei nicht unberücksichtigt bleiben: Die Skandinavier sind sehr verschlossene Menschen. Während die Südeuropäer ihr Herz in der Regel auf der Zunge tragen, überschwänglich, herzlich und stürmisch sind, sind die Skandinavier häufig in sich gekehrt, ruhig, zurückhaltend. In skandinavischen Krimis macht sie das häufig verdächtig. Wir glauben dort schnell, sie hätten tiefe Abgründe zu verbergen, hüteten ein grausames Geheimnis. Sowohl das Wesen der Menschen, hier oben, im hohen Norden Europas, als auch das Wesen der wilden, einsamen Landschaft hier oben, spielen also den Autoren von skandinavischen Krimis in die Hände. Nimmt man dann noch das geheimnisvolle Leuchten des Nordlichts hinzu und addiert den mystischen Aspekt der alten nordischen Sagen und Legenden, hat man eigentlich alles, was es für exzellente skandinavische Krimis braucht.

 

Skandinavische Krimis stehen in einer langen Tradition

 

So betrachtet stehen die skandinavischen Krimiautoren in einer Tradition mit ihren Wikinger-Vorfahren. Die reiche Erzähltradition Nordeuropas ist legendär und noch den jüngsten Erben merkt man die Freude am Erzählen an (Lesen Sie hierzu unseren Artikel zum Thema Island-Romane). Die nordische Mythologie ist reich an Heldengeschichten und die „Edda“ aus dem 19 Jahrhundert kennt zahllose Götter- und Heldensagen. Die skandinavischen Skalden, die Dichter, waren weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus für ihre kunstvollen Heldenlieder bekannt. Tapferkeit, Tod, Mord und Rache sind wiederkehrende Motive der alten nordischen Dichtung – und sie sind auch die bestimmenden Motive der modernen skandinavischen Krimis. Es ist also nicht allzu weit hergeholt, wenn man skandinavische Krimis als moderne Heldenepen betrachtet.

 

Landschaft aus skandinavischen KrimisUnd damit sind die Ähnlichkeiten noch nicht erschöpft: Die eddischen Heldenlieder sind von einer pessimistischen Sicht auf die Welt durchzogen, die sich auch in den modernen skandinavischen Krimis zeigt. So, wie die alten Helden der Mythologie einer dem Untergang geweihten, bösen, schlechten Welt gegenübertraten, so stellen sich heute die Kult-Ermittler der beliebten Krimis einer Welt entgegen, in der viel Schlechtes, Grausames geschieht. Das macht Kurt Wallander, Maria Kallio und Carl Mørck zu modernen Helden, die sich einer „komprimierten Als-ob-Realität voller Gewalt“ entgegenstellen, wie es der SPIEGEL 2010 schrieb. Das ist umso bemerkenswerter, als dass es in der skandinavischen Realität sehr wenig Gewalt gibt. Die Literaturagentin Anneli Høier erklärt das im SPIEGEL damit, dass es aber „in kleinen, geschlossenen Systemen, wie denen bei uns im Norden, die Angst davor“ gibt. Die Skandinavier können also nicht aus ihrer Haut. Noch immer befürchten sie – ganz Erben der alten Nordmänner – das Schlimmste und schaffen sich Helden, mit denen sie diesem Schlimmen begegnen können.

 

Es besteht in skandinavischen Krimis also nur ein scheinbarer Widerspruch zwischen der landschaftlichen Idylle und den menschlichen Abgründen der Protagonisten. Vielmehr ist er Ausdruck eines uralten Misstrauens der skandinavischen Seele gegenüber der Welt, mag sie sich auch in ein unfassbar idyllisches Gewand hüllen. Und genau das ist der Grund, warum wir skandinavische Krimis lieben: Sie sind authentisch. Dem konnte selbst der Hype um das Genre, das zahllose Nachahmer – gute wie schlechte – auf den Plan rief, nichts antun. Es ist eben so, wie Henning Mankell, der Vater des modernen Schwedenkrimis, es formulierte: „Einer der Gründe [für die Beliebtheit der nordischen Krimis] muss purer Zufall sein. Der zweite könnte sein, dass ich als Antrieb fungierte: Mein Erfolg hat andere inspiriert. Erinnern Sie sich an den Tennis-Spieler Björn Borg? Vor ihm hatte Schweden nur wenige gute Tennis-Spieler. Anschließend hatten wir plötzlich zahllose. Vielleicht ist das eine Erklärung“ (The Independent). In jedem Fall aber sieht es so aus, als würden uns skandinavische Krimis noch lange an der Spitze der Bestsellerlisten erhalten bleiben. Und darauf freuen wir uns.

 

Hier finden Sie ausgewählte skandinavische Krimis, die wir Ihnen auf literaturtipps.de empfehlen:


Schwedenkrimis: süchtig machende skandinavische Krimis aus Schweden

 

Norwegische Krimis: packende skandinavische Krimis aus Norwegen


Island-Krimis: spannende skandinavische Krimis aus Island

 

Finnische Krimis: empfehlenswerte skandinavische Krimis aus Finnland

 

Dänische Krimis: Fesselnde skandinavische Krimis aus Dänemark

 

Und wenn Sie jetzt trotz allem Lust auf Skandinavien bekommen haben, empfehlen wir Ihnen diese Skandinavien-Reiseführer:

 


Lesen Sie mehr über Reiseführer für Schweden und über Finnland, die unbekannte Schöne im hohen Norden. Oder buchen Sie hier Ihr Ferienhaus Finnland.

DuMont Reiseverlag, Reiseführer, DuMont Reise, Kunst-Reiseführer

Literaturtipp der Woche

Toni Morrison Gott, hilf dem Kind

Der jungen Mutter Sweetness ist die Tochter so tiefschwarz geraten, dass der Vater, ein Kuckuckskind vermutend, bei der Geburt...

Top-Thema

Norwegische Krimis: Knallharte Frauendomäne

Norwegische Krimis stehen ihren schwedischen Nachbarn in nichts nach. Im Gegenteil: die norwegischen Krimiautorinnen haben ihren Kolleginnen aus dem Nachbarland einiges voraus und sichern sich immer wieder Plätze auf den Bestsellerlisten.

Stimmungsvolle Kulisse für norwegische Krimis

Top-Thema

Schwedenkrimis: Das Erbe des Kurt Wallander

Sie sind aus den Bestsellerlisten schon lange nicht mehr wegzudenken und versorgen die weltweite Leserschaft mit immer neuen, spannenden Krimigeschichten aus dem hohen Norden: die Schwedenkrimis von Stieg Larsson und Co. Doch wer von ihnen wird Mankell, als Krimikönig Schwedens, beerben?

Der weltweite Siegeszug der Schwedenkrimis ist noch nicht zu Ende.