Sklaverei und Literatur: Ohne Recht und Würde

 

Buch über die Sklaverei: 12 Years a SlaveDie Sklaverei war über Jahrtausende ein unangefochtener Teil der „natürlichen“ Gesellschaftsordnung. Ein Leben als Sklave ist heute nur schwer vorstellbar, doch von der Antike bis hin zur Neuzeit war das ganz alltäglich. Was bedeutet es für die eigene Selbstwahrnehmung, Eigentum eines Anderen zu sein und dessen Willen und Willkür vollkommen unterlegen? Was diente in den jeweiligen Epochen als Legitimation für diese strukturelle Entmenschlichung? Wie kann es sein, dass heute weltweit immer noch Millionen von Menschen ein Sklavendasein fristen? Im Folgenden stellen wir einige Bücher vor, die sich mit diesen komplexen Fragen beschäftigen.

 

Historische Romane über Sklaverei

 

Historische Romane machen die Lebensrealitäten vergangener Zeiten greifbar. Akribisch recherchierte Fakten und Details verbinden sie mit Phantasie. So eröffnen sie den Lesern Welten der Vergangenheit, die so umfassend nur in dicken Geschichtsschmökern zum Leben erweckt werden können. Ken Follett ist der unbestrittene Meister des historischen Romans. Sein Buch „Die Brücken der Freiheit“ schildert die sklavenähnlichen Zustände in der Kohleindustrie Großbritanniens im 18. Jahrhundert. Der Roman folgt dem Leben eines Mannes, der gegen das Gesetz der Sklaverei rebelliert, verhaftet und schließlich nach Amerika deportiert wird. Ein spannendes Abenteuer, das dem inneren Freiheitsdrang des Menschen ein Denkmal setzt.

 

Ein unerbittliches Verlangen nach Freiheit treibt auch Zarité an, die Sklavin im Fokus von Isabel Allendes Historienroman „Die Insel unter dem Meer“. Der Roman veranschaulicht vor dem Hintergrund der Sklavenaufstände in der Karibik im 18. Jahrhundert, die psychische und physische Gewalt, welche die Haussklavin am eigenen Leibe erfährt. Ein weiteres empfehlenswertes Buch in dieser Reihe ist Lawrence Hills „Ich habe einen Namen“. Die Geschichte des Romans beginnt in einem kleinen Dorf in Afrika im 18. Jahrhundert. Sklavenhändler überfallen das Dorf, die kleine Aminata wird verschleppt und verkauft. Eindrucksvoll schildert der Roman die schlimmen Bedingungen auf den Sklavenschiffen und später im Sklaven-Regime Nordamerikas. Historische Bücher über Sklaverei vermitteln ein detailreiches Bild des Unrechts und verfolgen oft den Lebensweg jener, die die Kraft und Stärke besitzen, sich ihrem Schicksal zu widersetzen.

 

Bücher über die Sklaverei in Amerika

 

Buch über die Sklaverei: Onkel Toms Hütte

Als nach den Sezessionskriegen in Amerika die Sklaverei 1865 offiziell abgeschafft wurde, wurden Millionen von Menschen afrikanischer Abstammung in die Freiheit entlassen. Über Generationen hinweg hatten sie in Sklaverei gelebt und teils unsagbares Leid erfahren. Die damit einhergehende Rassenpolitik hat tiefe Wunden in der amerikanischen Gesellschaft hinterlassen. Der Klassiker der Literatur ist Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ von 1852, das verschiedene fiktive Sklavenschicksale präsentiert. Das Buch sollte die Unmenschlichkeit der Institution hervorheben und die Humanität der Schwarzen illustrieren. Aufgrund der großen Popularität wurde es zum politischen Instrument der Sklaverei-Gegner. Aus heutiger Sicht ist der Roman jedoch veraltet: Viele Kritiker bemängeln, dass die Schwarzen im Buch als zu unterwürfig dargestellt werden.

 

Mehr Aktionismus aufseiten der Sklaven herrscht in den sogenannten „Slave Narratives“. Zu diesem Genre gehören Autoren wie Frederick Douglass, der aus der Sklaverei im Süden in den Norden flüchtete und anschließend seine Erfahrungen zu Papier brachte. Zwar konnten nur wenige Ex-Sklaven Lesen und Schreiben, doch für einige boten Stift und Papier eine Möglichkeit das Erlebte zu verarbeiten und über die Grausamkeiten der Sklaverei aufzuklären.

 

Zeitgenössische Literatur von afroamerikanischen Autoren handelt nicht selten von Sklaverei und deren Folgen. Große Wellen schlug etwa in den 1970ern Alex Haley mit seinem Buch „Wurzeln“ (OT: Roots). In einer Familiensaga verfolgt der Autor seinen eigenen Stammbaum über mehrere Generationen bis in ein Dorf in Westafrika. Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Buch zeigt eindrucksvoll, wie gewaltsam der transatlantische Sklavenhandel in die Identitäts- und Geschichtszusammenhänge Afrikas und Amerikas eingriff.

 

Ein weiteres Buch, das hier auf keinen Fall fehlen darf, ist Toni Morrisons „Menschenkind“, ebenfalls mit dem Pulitzer-Preis geadelt. Halb Historienroman, halb Geisterbuch befasst sich das Werk mit den schweren psycho-traumatischen Folgen der Sklaverei aus der Sicht einer Ex-Sklavin, die ihre Vergangenheit nicht überwinden kann. Ein weiterer äußert lesenswerter Roman ist „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones. Die Darstellung der Sklaverei nimmt hier eine komplexe Wendung: Ein junger Schwarzer wird selbst zum Plantagenbetreiber und Sklavenbesitzer. Der Boston Globe findet: „Der ungewöhnlichste Roman, der je über die Sklaverei geschrieben wurde“.

 

 

Sachliteratur über moderne Sklaverei

 

Buch über die Sklaverei: MenschenkindSklaverei ist heute in jedem Staat der Welt illegal. Und trotzdem leben geschätzt 27 Millionen Menschen in modernen Formen der Sklaverei. An absoluten Zahlen gemessen sind also heute mehr Menschen der Weltbevölkerung versklavt als jemals zuvor. Als Zwangsarbeiter, Zwangsprostituierte oder Soldaten werden Männer, Frauen und Kinder entrechtet und jeden Tag aufs Neue missbraucht. Einen sehr guten Überblick über das Thema bietet Kevin Bales’ Sachbuch „Die neue Sklaverei“. Hier geht der amerikanische Soziologe dem Zusammenhang zwischen den Mechanismen des globalen Marktes und der Ausbeutung und Entrechtung von Millionen nach.

 

So auch der Journalist E. Benjamin Skinner in seinem Buch „Menschenhandel: Sklaverei im 21. Jahrhundert“. Das Buch ist ein sehr persönlicher und emotionaler Bericht einer fünfjährigen Recherche-Arbeit, für die der Amerikaner viele Sklaven sowie Schlepper und Menschenhändler getroffen hat. Ein weiteres Sachbuch, das sich speziell mit Menschenhandel und sexueller Ausbeutung beschäftigt, ist „Ware Frau: Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa“. Die Autorinnen Corinna Milborn und Mary Kreutzer haben mit Zwangsprostituierten aus Nigeria gesprochen. Sie präsentieren in dem ergreifenden Buch die Schicksale dieser Frauen und entlarven die Strategien der Schlepper.

 

Ob Sachliteratur oder Belletristik, die Literatur über Sklaverei ist ein Medium der Aufbereitung, des Erinnerns und der Empathie. Die Beweggründe für das Schreiben können für die Verfasser politisch sein oder persönlich – oder beides zugleich. Das Lesen dieser Bücher zwingt den Leser zur Neubewertung des Wertes der persönlichen Freiheit, der Gerechtigkeit und der allgemeinen Menschenrechte.

 

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