Wann spricht man eigentlich von Literatur?

 

Werk der hohen LiteraturIhrer Definition nach ist „Literatur“ (lat. littera: der Buchstabe bzw. litterae: das Geschriebene, Dokumente) der Überbegriff für alle Formen schriftlicher Aufzeichnungen, dessen Abgrenzung allein durch den Unterschied zur mündlichen Überlieferung erfolgt. Dennoch scheuen wir uns im Zusammenhang mit vielen Werken den Begriff „Literatur“ zu verwenden, ganz so, als sei er etwas Hohes, Heiliges und Sakrales. Vor allem populäre Belletristik scheint meilenweit von dem entfernt zu sein, was wir als Literatur definieren und dabei eigentlich eher an William Shakespeare, Schiller, Goethe und die Manns denken, Werke der Weltliteratur also. Nicht umsonst grenzt man diese Werke gern als „Trivialliteratur“ von der „hohen“, der „schönen“ oder „schöngeistigen“ Literatur ab – Begriffe, die mehr als deutlich machen, dass es sich nicht bei jedem geschriebenen Text und Worterguss zwangsläufig um so etwas Kunstvolles wie Literatur handeln muss.

 

Der Literatur-Begriff im Laufe der Geschichte

 

Unser Verständnis von Literatur existiert in dieser Form jedoch erst seit dem 19. Jahrhundert. Man könnte meinen, dass erst ab dem 18. Jahrhundert eine solche Masse von Texten produziert und reproduziert wurde, dass eine Unterscheidung überhaupt notwendig war – und dass auch erst ab diesem Zeitpunkt überhaupt eine breitere Masse in der Lage war, Texte zu lesen und sich kritisch mit ihnen auseinander zu setzen (und damit auch weniger anspruchsvolle Werke in Umlauf gerieten). Die Diskussion, welche Texte es verdienten, als Literatur besprochen und rezipiert zu werden, ist in ihren Ansätzen jedoch schon deutlich älter. Die Debatten, die wir heute führen, wenn wir ein Werk der Literatur zuordnen und ein anderes wiederum nicht, haben ihren Ursprung bereits in vergangenen Jahrhunderten.

 

Schon in der Antike und in der Frühneuzeit kursierte die Vorstellung, dass es sich bei Literatur immer um besonders schöne Texte handeln müsse. Damals unterschied man jedoch zwischen schöner und gefälliger Literatur auf der einen Seite und der kunstvollen Sprachbeherrschung, die eher in das Fachgebiet der Rhetorik fällt, auf der anderen Seite. Während Rhetorik jedoch beinah messbar war und als unkontroverse, zweckorientierte Kunst galt, entbrannten heftige Diskussionen darüber, wie sich das Schöne in der Poesie definieren und identifizieren ließe. Im 18. Jahrhundert dann, eben jener Zeit, in der der Begriff „Literatur“ im heutigen Wortverständnis zu reifen begann, teilte sich die Diskussion in zwei Lager, die einander auf das Vehementeste widersprachen. Auf der einen Seite standen die Regelpoetiker, die einheitliche Gesetze für die schöne Poesie forderten, und auf der anderen Seite jene, die für das Geschmacksurteil fochten.

 

Literatur als Gegensatz zur strengen Regelpoetik


Aufgeblättertes Buch der hohen LiteraturDie Vorstellung der Regelpoetik ist dabei so verführerisch einfach, wie sie unrealistisch ist und dem Wesen der Literatur, wie wir es heute verstehen, widerspricht. Ginge es nach den Verfechtern der Regelpoetik dürften nur solche Texte als Literatur gelten, die nach streng vorgegebenen Regeln gefertigt werden. Literatur als Naturwissenschaft oder mathematische Formel, wenn man so will. In ihrer Vorstellung sollte es eine klare Gebrauchsanweisung für das Erstellen von Texten geben, die ein Schriftsteller abzuarbeiten habe. Bei regelkonformer Befolgung aller Punkte dieser Gebrauchsanweisung würde dann am Ende Literatur entstehen. Unserem Literaturverständnis heute, das deutlich von der Geniezeit, dem Sturm und Drang, geprägt ist, läuft das vollends zuwider.

 

Für die Autoren des Sturm und Drangs – und für die meisten Leser und Kritiker heute – entsteht Literatur nämlich erst dann, wenn sich der Verfasser über die Grenzen hinweg setzt, wenn er die gewohnten Pfade verlässt und etwas vollends Neues schafft. Der Schriftsteller als schöpferisches Genie dessen Werk eine gewisse innovative Schöpfungshöhe zugrunde liegt, ist das Idealbild der Literatur heute. Damit läuft der Autor natürlich jedes Mal Gefahr, das Geschmacksurteil vollends zu verfehlen. Autoren, die sich an vorgegebene Muster halten und in engen Genre-Grenzen agieren, sind da eher auf der sicheren Seite. Gleichzeitig ertrinken sie aber in der seichten Masse der Regionalkrimis, romantischen Frauenromane  und Serienmörder-Psychothriller, die alle mehr oder weniger dem gleichen Muster folgen, ein ähnliches Personal auffahren und – wenn überhaupt – nur mit kleinen Überraschungen aufwarten.

 

Diese Bücher werden vielleicht zu Bestsellern, aber in die Literaturgeschichte werden sie nicht eingehen. Das gelingt nur jenen Werken, die mutig voranpreschen, neue Wege einschlagen und die aktuellen Trends der Literatur mitbestimmen, ohne zu wissen, ob sich das am Ende für sie auszahlen wird. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Das gilt auch in der Literatur. Denn interessanterweise sind es nicht die Bestseller, die Publikumslieblinge, die Film-Vorlagen und Everybodys Darlings, die als hohe Literatur für die Zukunft bleiben. Oftmals sind es eben jene Bücher, die nur von wenigen gelesen, von diesen aber sehr geschätzt wurden, jene, die nicht primär gefällig sind, die vom Leser fordern, dass er dran bleibt, dass auch er seinen Teil dazu beiträgt, dass er mitdenkt und sich nicht einfach nur berieseln lässt, die wir am Ende als Literatur einstufen. Das erscheint logisch, denn dadurch erhebt sich die „hohe Literatur“ aus der Masse der Trivialliteratur. Das gefällt sicher nicht jedem Leser – je nachdem, welche Gründe er dafür hat, Bücher zu lesen. Doch wer es dennoch schafft, dran zu bleiben, der wird belohnt: mit echter, großer Literatur!

 

Nachfolgend finden Sie eine alphabetisch geordnete Liste von Büchern, die wir als zeitgenössische hohe Literatur einordnen. Gemeint sind nicht unbedingt Werke der Weltliteratur, die wir an anderer Stelle besprechen.


 

Diese Liste ist rein subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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