Was gute Biographien von schlechten unterscheidet

 

Biographien sind die ewigen Bestseller: „Lehrerkind“, „Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers“, „Ansichten einer neugeborenen Mutter“, „Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“, „Die Welt aus der Sicht eines Jungen, der 11 Jahre als hirntot galt“ und „Das Tagebuch einer Magersüchtigen“ – heute gibt es keine Grenzen mehr für das, worüber die Menschen in ihren Biographien und Autobiographien berichten. Alles wird Thema, nichts bleibt verborgen. Je schlimmer das Schicksal, desto dicker das Buch, desto höher die Platzierung auf den Bestseller-Listen. Was im Internet mit Facebook-Profilen und –Statusmeldungen seinen Anfang nimmt, findet sein Ende zwischen zwei Buchdeckeln und in den Verkaufscharts der Online-Buchhändler: Menschen schreiben Biographien, um ihr Innerstes offen zu legen – und damit im besten Falle noch Geld zu verdienen.

 

Was man früher nur seinem Tagebuch oder seinem besten Freund anvertraute, reicht heute gleich als Stoff für eine Biographie und muss - koste es, was es wolle – in die Welt hinaus. Unter all diesen Biographien, mit denen der Buchmarkt alljährlich überschwemmt wird, wird es immer schwerer, jene herauszusuchen, die es wirklich zu lesen lohnt, die auch einen Mehrwert für den Leser haben.

 

Schau her, ich habe etwas erlebt: gute Biographien

 

Autobiographie von Erich KästnerEine gute Biographie ist nämlich eben nicht nur eine Darstellung des eigenen (oder fremden) grausamen Schicksals. Sie ist keine Aneinanderreihung von schmerzlichen Episoden, verpassten Gelegenheiten und Exzessen. Das auch diese Bücher ihre Daseinsberechtigung haben, soll nicht abgestritten werden. Nicht selten stellt das Schreiben eine Art von Therapie dar, hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Biographien wollen oft auch Mut machen, zum Durchhalten inspirieren und neue Hoffnung schenken. Doch welchen Mehrwert es für den Leser haben soll, von einem Lehrerkind zu lesen, dass sich zu „lebenslänglich Pausenhof“ verurteilt fühlt, ist nicht so ganz klar.

 

Die Wahrheit ist: Die Biographie ist die literarische Königsdisziplin. Ein Enthüllungsbuch schreiben, kann jeder. Doch eine gute Biographie muss so viel mehr können, als nur das Innerste der Person schonungslos offenzulegen und abzurechnen. Sie ordnet das Leben eines Menschen in die Zeitgeschichte ein und schildern das Geschehen aus der Perspektive einer Figur, mit der man sich identifizieren kann. Das tun Romane zwar auch, aber der Reiz an Biographien ist, dass es sich dabei um reale Personen handelt, die Spuren hinterlassen, Tagebücher und Briefe geschrieben haben, für deren Ansichten es Beweise gibt. Hat diese Person selbst die Biographie als Autobiographie geschrieben, ist die Authentizität sogar noch größer, bekommen wir doch beinahe ungefiltert und ohne Grenzen die Innensicht des Menschen mit.

 

Verloren in der Masse der Biographien

 

Die Autobiographie ist dabei eine verhältnismäßig neue Erscheinung. Stars und Sternchen (und solche, die sich dafür halten), Menschen, die besonderes erlebt oder überlebt haben, suchen sich einen Ghost- oder Co-Writer und schreiben mit ihnen ihre Biographie. Bis vor einigen Jahrzehnten war die Biographie historisch wichtigen Persönlichkeiten vorbehalten. Sie wurde in der Regel nach dem Tod des Betreffenden verfasst (mitunter auch mit einigem zeitlichen Abstand) und war durch eine wissenschaftliche Herangehensweise gekennzeichnet. Eine besondere Herausforderung stellte dabei die historische Biographie dar.

 

Autobiographie von Marcel Reich-RanickiLange Zeit galt sie als antiquierte Form der personalisierten Geschichtsbetrachtung und wurde häufig mit Skepsis beäugt. Inzwischen aber sind Biographien historischer Persönlichkeiten wieder stark im Kommen. Auf den Bestsellerlisten laufen sie den Enthüllungsbüchern nicht selten den Rang ab.

 

Der deutsche Historiker Ulrich Raulff erklärte diese Begeisterung für die historische Biographie so: Sie „ist zur tragenden Säule des Buchmarkts geworden; sie unterwandert die Literatur und resümiert das Beste, was die Sachbücher zu bieten haben. Es ist, als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Leben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus.“ Im Gegensatz zu den Biographien lebender Politiker, Schauspieler und Sportler, die vor allem durch ein sehr kurzfristiges Verfallsdatum glänzen und für den Leser – abgesehen von einem gewissen Voyeurismus – keinen Zweck erfüllen, haben diese Bücher über die Zeit hinweg Bestand.

 

Die porträtierten Persönlichkeiten sind Rettungsanker in einer Zeit, in der es viele Bilder aber kaum noch Vorbilder gibt. Sie vermitteln Werte und werden selbst zu Leitfiguren, an denen sich die Menschen orientieren, von denen sie sich inspirieren lassen können. Kurzzeitige Skandale und fürchterliche Enthüllungen in der Boulevard-Presse muss man hier nicht mehr befürchten. Sie stehen für sich und scheinen unverwüstlich. So gibt die Biographie als literarische Form etwas, was nur wenige Bücher geben können.

 

Was macht eine gute Biographie aus?

 

Biographie über Hitler von Joachim FestEine gute historische Biographie gewährt uns einen Einblick in das Denken, Handeln und Fühlen der porträtierten Person und lässt uns an ihrer persönlichen Entwicklung teilhaben. Während Daniela Katzenberger in „Sei schlau, stell dich dumm“, herausschreit, wie man mit nichts berühmt werden kann, sehen wir in guten Biographien die Lebensleistung des Menschen, bewundern seine Taten, die auf seine Zeit maßgeblichen Einfluss hatte – in welcher Form auch immer. Diese Biographien wollen nicht zwangsläufig gefällig sein und auch die Menschen, von denen sie erzählen, sollen es nicht sein.

 

Eine gute Hitler-Biographie ersetzt viele andere Bücher und ist wertvoller als der Großteil der Biographien und Autobiographien, die heute den Markt überschwemmen. Natürlich erhalten wir darin keinen exklusiven Einblick in die Psyche des Diktators, doch so nah, wie man seinem Denken und Fühlen kommen kann, bringen uns diese Bücher an ihn heran. Die psychoanalytischen Ansätze, die Bücher, wie „Hitler – Eine Biographie“ und „Hitler – Eine Bilanz“ enthalten, heben diese Werke über die Masse der historischen Bücher, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, hinweg. Zugleich soll es nicht darum gehen, den Menschen bis ins Letzte zu sezieren. Die Soziologin Antonia Grunenberg erklärte in der ZEIT, gute Biographien „enthüllen die Geheimnisse nicht, sie umkreisen sie, lassen aber ihre Rätselhaftigkeit unangetastet.“

 

Wir müssen nicht alles über jeden Menschen wissen, der meint, seine Biographie habe auf dem Markt noch gefehlt, doch wir müssen uns den Menschen annähern können, die unsere Welt geprägt haben. Genau das unterscheidet eine gute von einer schlechten Biographie. Und nur gute Biographien sind auch Bücher, die es sich zu lesen lohnt.

 

Gute Biographien - Diese Bücher empfehlen wir Ihnen:

 

Künstler-Biographien


Architekten

Autoren


Kabarettisten/Fernsehen/Regisseure

Maler

Musiker

Schauspieler

 

Eine etwas andere Künstler-Biographie: "Choupette: Aus dem Leben einer Katze an der Seite von Karl Lagerfeld"

 

Politiker-Biographien

 

Unternehmer-Biographien

 

Historische Biographien

 

Wissenschaftler-Biographien

 

Sportler-Biographien

 

Frauen-Biographien

 

Sehr empfehlenswert ist auch: "Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden" von Per J. Andersson.

 

Wie Sie selber Biographien schreiben

 

Wenn Sie selbst Biographien schreiben oder mit einer Autobiographie unsterblich werden wollen, empfehlen wir folgende Bücher:


DuMont Reiseverlag, Reiseführer, DuMont Reise, Kunst-Reiseführer

Literaturtipp der Woche

Toni Morrison Gott, hilf dem Kind

Der jungen Mutter Sweetness ist die Tochter so tiefschwarz geraten, dass der Vater, ein Kuckuckskind vermutend, bei der Geburt...

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