Weltliteratur: Was muss ich gelesen haben?

 

Weltliteratur von William ShakespeareUnter Leseratten gibt es eine große Frage: Was muss ich unbedingt gelesen haben? Eine Frage, tausende Antworten! Immer wieder tauchen in der Antwort dann die Begriffe „Lesekanon“ und „Klassiker der Weltliteratur“ auf. Während aber im Prinzip jeder Mensch seinen eigenen Lesekanon, also eine Lektüreliste, erstellen kann, die mit „Was man gelesen haben muss“ überschrieben werden kann, hat der Begriff Weltliteratur eine globale Bedeutung.

 

Die Weltliteratur als Gedächtnis der Welt

 

Allgemein herrscht Konsens darüber, dass jene Werke als Weltliteratur zu betrachten sind, die weltweit Verbreitung gefunden haben und die als für die Weltbevölkerung bedeutsam, also prägend, angesehen werden können. Goethe war der Erste, der den Begriff „Weltliteratur“ 1827 verwendete und damit Literatur meinte, die „aus einem übernationalen, kosmopolitischen Geist heraus geschaffen wurde.“ Nicht jedes Werk, das international verbreitet ist, zählt dabei Goethe zufolge sofort zur Weltliteratur. Ausschlaggebend für die Zuordnung sind natürlich auch der künstlerische Wert des Textes und sein Einfluss auf die Entwicklung der Literaturen der Welt. Damit wandelte der Dichterfürst die von Christoph Martin Wieland geprägte „Literatur für den Weltmann“ in „Literatur, geschaffen von einem Weltmann“ ab.  Im Prinzip beschreibt der Begriff also nichts anderes als das Weltkulturerbe, das „Gedächtnis der Welt“.

 

Diese Bücher verraten Ihnen, welche Klassiker der Weltliteratur Sie gelesen haben sollten:

 

Das Wort „Klassiker“ gibt zusätzliche Informationen zu dem, was wir uns unter Weltliteratur vorzustellen haben. Damit ist zum einen erst einmal die historische Literatur antiker Autoren und Künstler gemeint. Diese Werke und ihre Autoren gelten als ästhetische Leitbilder und im Sinne des Wortes „classicus“ als „zum ersten Rang“ der Literatur gehörig. Autoren späterer Literaturepochen, die sich an den ästhetischen Regeln von Sokrates und Aristoteles orientierten, ihnen nacheiferten und so bedeutende Werke hervorbrachten, bezeichnen wir ebenfalls als Klassiker. Das bezieht sich auch – aber nicht ausschließlich – auf die Autoren der Klassik in der Literatur. Johann Wolfgang von Goethe ist also ebenso sehr ein Klassiker wie Aristoteles einer war. Beider Werke gelten als mustergültig, vorbildhaft, überragend und hoben sich deutlich von den zeitgenössischen Werken ab. Dieses sich hervorheben aus der Masse macht das Werk dann zu einem Kandidaten, ein Klassiker der Weltliteratur zu werden. Eben herausragende Werke, Werke, die ihre Zeit geprägt und Epochentrends gesetzt haben. Sie sind es, die wir heute Klassiker der Weltliteratur nennen.

 

Gegenpol zum Klassiker: neue Weltliteratur

 

Eine neuere Definition, die die bekannte Literaturkritikerin Sigrid Löffler (früheres Mitglied des Literarischen Quartetts) 2013 in ihrem Buch „Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler“ veröffentlichte, gibt dem Begriff eine ganz neue Bedeutung. Auf der Leipziger Buchmesse 2014 erklärte sie, Weltliteratur sei heute nicht mehr im Sinne Goethes als große Literatur bzw. Kunstwerke der Welt zu verstehen. Nach ihrem Verständnis sei Weltliteratur jene Literatur, die nicht aus dem Westen, Europa, Nord- und Südamerika kommt, sondern aus all den Ländern, die man literarisch viel zu lange nicht auf dem Schirm hatte, deren Schaffenskraft und Kreativität nun aber förmlich explodierten.

 

Weltliteratur von Ephraim LessingFür Sigrid Löffler ist Weltliteratur globale Literatur, zeitgenössische, authentische, glaubwürdige Literatur von frischen neuen Stimmen, die wirkliche Geschichten zu erzählen haben. Postnationale Literatur, Migrationsliteratur, geschrieben von „Pendlern zwischen den Kulturen“, Flüchtlingen und Abkömmlingen ehemaliger Kolonien. Diese Autoren fungierten als Übersetzer zwischen unserer und der für uns fremden Welt.

 

Gemeint seien nicht internationale Schriftsteller, wie beispielsweise Saša Staniši?, die schon vollkommen in die deutsche oder westliche Literatur assimiliert seien, sondern Schriftsteller aus Afrika, Asien, der Karibik und aus dem „europäischen Hinterhof“, wie Löffler es nennt. Diese neue Weltliteratur lebe von kulturellen Mischungen, Konfrontationen und existenziellen Themen, wie Selbstverlust, Leben in der Fremde und fehlende Anerkennung. Ein gutes Beispiel dafür ist "Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie. In ihrem Buch „Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler“ stellt Löffler weitere Autoren dieser neu definierten Weltliteratur vor.

 

 

Warum sollte man die Klassiker der Weltliteratur lesen?

 

Bevor wir uns jedoch dieser frischen Weltliteratur annehmen, kehren wir aber noch einmal zu Goethes Definition zurück und betrachten die Klassiker der Weltliteratur – jene Bücher, von denen wohl die meisten Menschen sagen würden, man sollte sie gelesen haben. Auch wenn die Menschen, die das sagen, die Bücher häufig selbst nicht gelesen haben. Liest man zum Beispiel den Lesekanon des wohl einflussreichsten deutschen Literaturkritikers der Gegenwart, Marcel Reich-Ranicki, wird eines schnell klar: Die meisten der dort genannten Bücher standen auch auf der Leseliste in der Schule und an der Universität (was ihnen nicht selten einen negativen Beigeschmack einbrachte).

 

Grund dafür ist die Einschätzung, dass bestimmte Texte eine allgemeine, unvergängliche Bedeutung haben. In einem literarischen Symposium des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg heißt es, die Texte bestimmter „klassischer Autoren“ ragten mustergültig aus der Fülle der Literatur heraus. Sie seien zwar alt, aber nicht veraltet, und könnten noch heute „zum Ausdruck bringen, was die Stimmen der Gegenwart nicht so klar zu sagen vermögen.“ Demnach gibt es also bestimmte Schriftsteller, mit denen Schüler und Studenten im Laufe ihrer Ausbildung bekannt werden sollten. Das sind diese Bücher, die wir heute allgemein als bedeutsame Literaturklassiker betrachten.

 

Die großen Klassiker der Weltliteratur


Weltliteratur von Miguel de CervantesIn der erzählenden deutschen Literatur (Belletristik) sind da beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane, Thomas Mann, Hermann Hesse, Franz Kafka und Günther Grass zu nennen. Goethes "Faust" oder „Die Leiden des jungen Werther“ haben die meisten in der Schule lesen müssen, ebenso wie Kafkas „Verwandlung“ und „Die Blechtrommel“ von Günther Grass. Sie waren charakteristisch für ihre Epoche und können heute gut zum Studium ihrer Entstehungszeit genutzt werden. Die überschwänglichen, emotionalen Schilderungen des Werthers waren damals ebenso innovativ, wie die Darstellung des Grotesken in der „Verwandlung“. Diese Werke haben die Literatur nachhaltig geprägt und sind schon deswegen heute so lesenswert wie damals – was sie per definitionem zu Klassikern der Weltliteratur macht. Gleiches gilt beispielsweise für Dramen von Lessing, Schiller, Kleist, Brecht und Dürrenmatt, für Gedichte von Heinrich Heine, Frank Wedekind und Kurt Tucholsky, für die Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm und die Erzählungen von Martin Walser, Christa Wolf und Stefan Zweig; von internationalen Autoren, wie Shakespeare, Proust, Twain, Tolstoi, Orwell, Hugo und Hemingway ganz zu schweigen.

 

Erfahren Sie mehr über diese Werke der Literaturgeschichte und stöbern Sie durch unsere Texte zu den einzelnen Literaturepochen.

 

Moderne Weltliteratur heute

 

Ohne Frage entstehen auch gegenwärtig Texte, die es wert sind, auch in Hunderten von Jahren noch gelesen zu werden und die dann zu den Klassikern der Weltliteratur gezählt werden. Welche dies jedoch sind, lässt sich heute kaum prophetisch sagen. Für diese Einschätzung bedarf es einer gewissen zeitlichen Distanz. Das hindert Literaturkritiker jedoch nicht daran, gute neue Bücher mit den Titeln „moderner Klassiker“ oder „schon heute ein Klassiker der Weltliteratur“ zu belegen. Doch auf aktuellen Leselisten findet sich heute vor allem das, was gefällt, was neu und aufregend ist oder einfach unterhält: die Gegenwartsliteratur, der Lärm des Jetzt. Das können Ken Follett, Marion Zimmer Bradley und Joanne K. Rowling ebenso sein, wie Jonathan Franzen und Isabel Allende. Zu ihrer Entstehungszeit verhielt es sich aber mit den heutigen Klassikern nicht anders. William Shakespeare und Goethe galten zu ihrer Zeit als regelrechte Popstars und hatten damit ähnlichen Status wie heute Dan Brown oder Henning Mankell. Ob man deren Bücher aber in 200 Jahren noch mit so viel Anerkennung lesen wird, wie wir heute diese Klassiker der Weltliteratur lesen, wird erst die Zeit zeigen können.

 

Diese Klassiker der Weltliteratur empfehlen wir (sortiert nach Jahrhunderten):

 

Antike

 

14. Jahrhundert

 

15. Jahrhundert

 

16. Jahrhundert

 

17. Jahrhundert

 

18. Jahrhundert

 

19. Jahrhundert

 

20. Jahrhundert

 

Wenn es schneller gehen muss, lesen Sie doch einfach "Weltliteratur für Eilige: Und am Ende sind sie alle tot". Ein dazu passender Trend ist die Entwicklung, Weltliteratur als Graphic Novels aufzubereiten, wie in diesen Beispielen:

 


Unabhängig von dieser Liste zur Weltliteratur haben wir die Nutzer auf der Facebook-Seite von literaturtipps.de gefragt, welche Bücher man gelesen haben muss. Sie haben geantwortet:

 

 

Auch bei unseren Nutzern stehen also die Klassiker der Weltliteratur recht weit oben im Kurs.

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