Wie unerkannte Künstler Bücher übersetzen

 

Profi beim Bücher übersetzen Während der Name des Autors groß auf dem Cover des Buches prangt und sofort mit seinen Werken assoziiert wird, sind die Namen derer, die die Bücher übersetzen in der Regel unbekannt. Auf der ersten Seite erhaschen unsere Augen vielleicht einen kurzen Blick auf den Hinweis „Aus dem Amerikanischen von…“ oder „Aus dem Englischen von…“, doch eigentlich sind wir dann schon viel zu neugierig auf den Inhalt des Buches, um uns länger damit auseinander zu setzen, wer das Buch übersetzt hat. Und seien Sie einmal ehrlich: Wie oft haben Sie sich schon gefragt, wer der Mensch ist, der Ihnen Zugang zum Werk eines ausländischen Schriftstellers verschafft hat? Wie oft haben Sie schon bei Amazon nach einem guten Übersetzer gesucht und anhand dessen ein neues Buch ausgewählt? Nur die allerwenigsten Menschen tun das, weil uns in der Regel gar nicht bewusst ist, was für eine Leistung es ist, Bücher zu übersetzen.

 

Wenn wir ein Buch lesen, das uns vom Sprachstil her gefällt, mit dessen Rhythmus, Wortwahl und Klang wir zufrieden sind, das uns sprachlich bezaubert, dann schieben wir das auf den Autor. Sein Name steht auf dem Cover, die Worte entstammen also seiner Feder. Ist der Autor aber nicht zufällig deutschsprachig, ist das bei genauerer Betrachtung nicht wahr. Das Buch wurde übersetzt und adaptiert. Und diese Buchübersetzung hat nichts mit dem gemein, was man normalerweise unter einer Übersetzung versteht. Hier geht es nicht darum, den Inhalt eines Textes in einer anderen Sprache verständlich zu machen. Hier geht es darum, ein Werk zu schaffen. Die Übersetzung eines Buches ist eine literarische Arbeit in sich, ist Kunst. Briefe, Broschüren, Bedienungsanleitungen, Werbung oder Homepages zu übersetzen, erfordert handwerkliches Geschick, Präzision, Detailtreue und natürlich eine einwandfreie Schreibe. Doch wer Bücher übersetzt, der wird selbst zum Autor.

 

Warum nicht jeder Bücher übersetzen kann

 

Er muss die Geschichte so erzählen, dass er den Stil des Autors nachahmt, dass er die Finessen seines Textes aufnimmt, dass der Autor mit seinen besonderen Eigenarten erkennbar bleibt. Das funktioniert in der Regel nicht, indem man den Text nur Wort für Wort und Satz für Satz übersetzt. Wortspiele und Redewendungen müssen so übertragen werden, dass sie der deutsche Leser auch versteht. Diesen Teil des Prozesses einer Buchübersetzung nennt man Adaption. Der Übersetzer muss dabei verstehen, was der Autor vermitteln möchte, und es in eine für die andere Sprache verständliche Form bringen. Ergeben sprachliche Bilder, Metaphern, Wortwitze oder ähnliches in der Übersetzung keinen Sinn, muss er ein Äquivalent dafür finden, ohne den Inhalt zu verfälschen. Die oberste Grundregel aller Übersetzungen lautet deshalb: Übersetzt wird immer in die eigene Sprache. Nur so kann man sicherstellen, dass die Bedeutung nicht verloren geht und dass der Text in sich schlüssig bleibt und natürlich klingt. Jede Übersetzung in eine fremde Sprache bleibt eben immer das: eine Übersetzung, die sich eben wie eine Übersetzung liest. Das ist wirklich das Letzte, was man will, wenn man ein Buch liest. Stattdessen möchte man glauben, dass alles, was man liest, so vom Autor gedacht war. Auf den Schultern eines Übersetzers lastet deshalb eine große Verantwortung.

 

Autoren und Verlage bringen ihren Übersetzern deshalb viel Vertrauen entgegen, wenn sie sie damit beauftragen, Bücher zu übersetzen. Nicht immer ist dieses Vertrauen gerechtfertigt, wie das Beispiel eines Übersetzers aus Griechenland zeigt, der einem Thriller ein zusätzliches Kapitel hinzufügte, weil er mit der Lösung des Autors nicht einverstanden war. Die Leserschaft in Griechenland wunderte sich dann darüber, dass der Autor die Lösung des Falles schon so lange vorweg nahm und damit die Spannung ruinierte. Nur so kamen Verlag und Autor dem Übersetzer auf die Schliche. Vor solch einem Risiko ist man zwar nicht gefeit, doch die meisten Übersetzer verstehen ihre Aufgabe als großen Vertrauensbeweis und bemühen sich nach Kräften, ihr gerecht zu werden. Manche Autoren wollen auch auf Nummer sicher gehen. Timur Vermes zum Beispiel, der 2013 mit dem Buch „Er ist wieder da“ für Aufsehen sorgte. Das Buch ist eine nachtschwarze Satire und lässt Adolf Hitler in der heutigen Zeit erwachen, wo er sofort alles daran setzt, an die alten Zeiten anzuknüpfen – und Erfolg damit hat. Das Buch wurde in 27 Sprachen übersetzt – ein großes Risiko, bedenkt man das heikle Thema. Hier kommt es auf Zwischentöne und Nuancen an. Aus diesem Grund hat sich Timur Vermes mit den Übersetzern seines Buches aus aller Herren Länder getroffen. In einem viertägigen Werkstattgespräch ging er den Text Stück für Stück mit ihnen durch und besprach die Hitler-typischen Formulierungen, die sich nur schwer übersetzen lassen. Dieser Mühe und diesem vermutlich beispiellosen Engagements von Autor und Übersetzern aber ist es geschuldet, dass man „Er ist wieder da“ im Chinesischen genauso authentisch lesen kann, wie im Arabischen oder Japanischen.

 

Warum nicht jeder alle Bücher übersetzen kann

 

Bücher übersetzen, Buchstaben schweben über einem BuchUnd wenn Sie noch immer nicht glauben, dass übersetzen von Büchern eine sehr wichtige, verantwortungsvolle und herausfordernde Tätigkeit ist, dann überlegen Sie doch einmal, ob es schon vorgekommen ist, dass Ihr Lieblingsautor seinen Übersetzer gewechselt hat. Dann hat man oft das Gefühl, dass nichts mehr am richtigen Platz ist, dass Witze und Pointen nicht mehr ganz so treffsicher sitzen, der Stil ein winziges bisschen anders ist und das Buch vielleicht sogar etwas von seinem Zauber verloren hat. Als Terry Pratchetts Übersetzer wechselte, war das für viele langjährige Fans eine herbe Enttäuschung. Jahrelang war Andreas Brandhorst der Mann gewesen, der den Witz von „Die Farben der Magie“, „Gevatter Tod“, „Wachen, Wachen“ und „Alles Sense“ ins Deutsche übertragen und dem Briten damit eine große deutsche Fangemeinde eingebracht hat. Dann jedoch kam der Wechsel. Der Verlag entschied sich für Gerald Jung, der die Bücher von Terry Pratchett zum Teil sogar neu übersetzen sollte, obwohl bereits Übersetzungen von Andreas Brandhorst existierten. Dadurch sollten der philosophische Aspekt der Bücher hervorgehoben und die Bücher aus der Ecke der Fantasy-Romane geholt werden, wo sie, wie Lektorin Vera Thielenhaus sagte, „unter Wert verkauft“ werden würden.

 

Vielen Fans stieß das übel auf. Brandhorst hatte seine ganz eigene Art, Pratchetts Bücher zu übersetzen, und auch wenn viel vom ursprünglichen Wortwitz verloren gegangen sein wird, so zeichneten sie sich doch noch immer durch einen feinen, bösen Witz aus, den die Fans liebten. In dem Moment, als es jemand anderem überlassen wurde, Pratchetts Bücher zu übersetzen, ging davon ein großes Stück verloren. Auf der anderen Seite ist Gerald Jung aber der Übersetzer der Bücher von Jonathan Stroud. Dessen Bartimäus-Reihe erhält in der deutschen Übersetzung durch Jung genau den richtigen Twist. Würde sich Stroud zu einem fünften Band durchringen und der Bertelsmann-Verlag würde sich für einen anderen Übersetzer entscheiden – es wäre einfach nicht das Gleiche! Die Harry Potter-Romane von Joanne K. Rowling funktionieren in der deutschen Übersetzung vor allem deshalb so gut, weil Klaus Fritz sich ihrer angenommen hat. Katharina Diestelmeier sind die schönen deutschen Übersetzungen der Bis(s)-Reihe und anderer berührender Jugend- und Fantasy-Romane zu verdanken. Bei den Thrillern von Simon Beckett schwört man auf die Übersetzungen von Andree Hesse und Jussi Adler-Olsen wird von Hannes Thiess übersetzt. Sie alle machen aus den Büchern das, was sie heute für uns sind.

 

Achten Sie bei Ihren nächsten Schmökerstunden also einmal darauf, wer für die Bücher übersetzt hat. Vielleicht entdecken Sie eine Vorliebe für einen bestimmten Übersetzer und finden dadurch neue Bücher, die Ihnen gefallen könnten. Und selbst wenn nicht: Wenigstens bringen wir dann so den Menschen Respekt und Achtung entgegen, ohne die die Bücher nicht das wären, was sie sind, und denen wir so viele schöne Lesestunden verdanken – auch wenn sie dafür keinen Ruhm ernten und nur selten gewürdigt werden.

 

Danke, liebe Übersetzer!

DuMont Reiseverlag, Reiseführer, DuMont Reise, Kunst-Reiseführer

Literaturtipp der Woche

Toni Morrison Gott, hilf dem Kind

Der jungen Mutter Sweetness ist die Tochter so tiefschwarz geraten, dass der Vater, ein Kuckuckskind vermutend, bei der Geburt...

Top-Thema

Hörbuch Backstage: Wie gute Hörbücher entstehen

Gute Hörbücher nehmen uns gefangen, beflügeln unsere Fantasie und lassen uns nicht mehr los, bis wir sie vollends durchgehört haben. Doch wie entsteht so ein gutes Hörbuch? Worauf kommt es dabei an? Lesen Sie hier mehr.

Gute Hörbücher sind mehr als einfach nur hörbare Bücher.

Top-Thema

Die Geheimformel für Bestseller

Jeder Autor möchte einen Bestseller schreiben – und jeder Leser ein Buch lesen, das ihn zutiefst berührt. Wenn diese beiden Dinge zusammenkommen, dann kann dies nur an der magischen Geheimformel für Bestseller liegen.

Wie wird aus einem normalen Buch eigentlich ein Bestseller?