Herausragende Literatur: der Literaturnobelpreis
Rudyard Kipling, Selma Lagerlöf, Gerhard Hauptmann, Sinclair Lewis, Hermann Hesse, Ernest Hemmingway und Gabriel García Márquez – sie alle haben etwas gemeinsam: Sie haben den Literaturnobelpreis erhalten. Der Nobelpreis für Literatur gilt als wichtigste Auszeichnung der internationalen Literatur, als ein Preis, auf den Schriftsteller ihr Leben lang hinarbeiten – viele, ohne auch nur jemals die Chance zu haben, ihn schließlich entgegennehmen zu dürfen. Jedes Jahr, wenn im Oktober die Zeit naht, in der die Schwedische Akademie den diesjährigen Literaturnobelpreisträger verkündet, gerät die gesamte literarische Welt in Aufruhr. Da gibt es jene Schriftsteller, von denen man schon seit Jahren meint, dass dieses Jahr ihr Jahr wäre und sie nun endlich die lang ersehnte und hoch verdiente Ehrung empfangen würden. Und da gibt es jene, mit denen kaum jemand rechnet – und die dann oft ganz unverhofft und unerwartet den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen. Wer nicht ganz bewandert ist in der internationalen Literaturszene, muss in der Regel nach der Verkündung zuerst einmal seine Hausaufgaben machen und sich mit dem Werk des Autors vertraut machen. Doch schon nach kurzer Recherche wird in der Regel deutlich: Das Nobelpreis-Kommittee hat wieder einmal richtig gelegen und einen Autor in den Mittelpunkt des medialen Interesses gerückt, der es auch tatsächlich verdient hat.
Die Geschichte des Literaturnobelpreises
Der Literaturnobelpreis wurde – wie der Friedensnobelpreis und die Physik-, Medizin- und Chemienobelpreise auch – vom schwedischen Erfinder Alfred Nobel ausgelobt. Dieser verfügte 1895 „nach reifer Überlegung“ in seinem Testament, dass aus seinem Nachlass ein Fonds gebildet werden solle, „dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: ein Teil an denjenigen, der auf dem Gebiet der Physik die bedeutendste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der die wichtigste chemische Entdeckung oder Verbesserung gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der die wichtigste Entdeckung in der Domäne der Physiologie oder Medizin gemacht hat; ein Teil an denjenigen, der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat; und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.“ Die Nobel-Stiftung wurde im Jahr 1900 gegründet und schon ein Jahr später wurde der Literaturnobelpreis zum ersten Mal verliehen. 1901 ging er an Sully Prudhomme, einen französischen Schriftsteller. In der Begründung hieß es, Prudhomme würde den Preis „als Anerkennung seiner ausgezeichneten, auch noch in späteren Jahren an den Tag gelegten Verdienste als Schriftsteller und besonders seiner Dichtungen, die hohen Idealismus, künstlerische Vollendung und eine seltene Vereinigung von Herz und Geist bezeugen“ zuerkannt bekommen. Mit Ausnahme der Weltkriegsjahre 1914 und 1915 (dieser wurde nachträglich 1916 verliehen), 1935 und 1940 bis 1944 wurde der bedeutende Literaturpreis dann jährlich vergeben.
Große Namen, neue Gesichter: Nobelpreisträger Literatur
Stöbert man durch die Liste der Literaturnobelpreisträger der vergangenen 112 Jahre, tauchen dort viele bekannte Namen auf. Die eingangs erwähnten Autoren dürften vielen Lesebegeisterten bekannt sein. Auch William Faulkner, der den Preis 1949 erhielt, Winston Churchill, der 1953 geehrt wurde, der Isländer Halldór Laxness, Samuel Beckett, Pablo Neruda, Heinrich Böll, Günter Grass, José Saramago, der den Preis 1998 entgegennahm, und Orhan Pamuk, der 2006 ausgezeichnet wurde, sind bekannte Namen.
Doch dazwischen tauchen in der Liste der Träger des Literaturnobelpreises auch immer wieder Namen auf, von denen man noch nie gehört hat. Oder haben Sie schon etwas von Romain Rolland gelesen, der 1916 nachträglich den Literaturnobelpreis für 1915 erhielt, „als Anerkennung für den hohen Idealismus seines dichterischen Werkes und die Wärme und Wahrhaftigkeit, mit der er die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit dargestellt hat“? Oder sagt Ihnen der Name Wladyslaw Reymont etwas? Dieser polnische Autor erhielt den Preis 1924 für sein Nationalepos „Die Bauern“. Auch in den letzten Jahren tauchen auf der Liste Namen auf, die man zuvor noch nie gehört hatte. Jean-Marie Gustave Le Clézio erhielt den Nobelpreis für Literatur 2008 unter anderem für seinen Roman „Das Protokoll“. Geehrt wurde Le Clézio as „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase“. Auch Herta Müller, die den Preis 2009 erhielt, und Tomas Tranströmer, der 2011 ausgezeichnet wurde, waren der breiten Masse zuvor unbekannt.
Immer für einen Skandal gut: der Nobelpreis Literatur
Auch 2012 gab es wieder viele bekannte und unbekannte Namen, die als mögliche Träger des Literaturnobelpreises gehandelt wurden. Neben den üblichen Verdächtigen – darunter Philip Roth, der jedes Jahr als heißer Favorit gilt, den Preis aber nie zu bekommen scheint – standen auch Bob Dylan für seine Liedtexte, Alice Munro, William Trevor und der Ungar Péter Nádas auf der Liste der Favoriten. Erhalten hat ihn letztendlich Mo Yan, ein kontrovers diskutierter chinesischer Schriftsteller, der vor allem dafür kritisiert wird, dass er sich regierungsnah positionierte und niemals kritisch zur kommunistischen Führung des Landes äußerte. Die Auszeichnung von Mo Yan sorgte vor allem deshalb für Empörung, weil der neue Literaturnobelpreisträger niemals zum Hausarrest von Liao Yiwu Stellung nahm, der erst 2011 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, ihn aber nicht entgegennehmen konnte, weil er in China festgehalten wurde. Liao Yiwu äußerte sich schockiert über die Wahl des diesjährigen Literaturnobelpreises: Er sei „fassungslos“, dass dieser „Staatsdichter“ eine Auszeichnung dieses Formats erhalte. An Mo Yan kritisierte er, er ziehe sich, „wenn es darauf ankommt, in seine Welt der Kunstfertigkeit zurück.“ Doch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Mo Yan ist nicht der erste Skandal in der Geschichte dieses Preises. 1958 war es dem sowjetischen Autoren Boris Pasternak zum Beispiel verboten, den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen. 1964 verzichtete Jean-Paul Satre freiwillig auf die Auszeichnung. Darüber hinaus sorgte es immer wieder für Empörung, wenn große Schriftsteller, wie Lew Tolstoi, James Joyce, Virginia Woolf und Marcel Proust, ohne Literaturnobelpreis ausgingen.
Der Literaturnobelpreis 2015 ging an die weißrussische Autorin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch, mit deren Auszeichnung, so die Süddeutsche Zeitung, der Literaturnobelpreis zum Friedennobelpreis wird. Dies sind die wichtigsten Werke von Swetlana Alexijewitsch:
- Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
- Die letzten Zeugen: Kinder im Zweiten Weltkrieg
- Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus
- Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft
- Zinkjungen: Afghanistan und die Folgen
Über diese Nobelpreisträger aus dem Bereich Literatur erfahren Sie mehr bei uns:
1907: Rudyard Kipling
1909: Selma Lagerlöf
1946: Hermann Hesse
1949: William Faulkner
1954: Ernest Hemingway
1955: Halldór Laxness
1958: Boris Pasternak
1962: John Steinbeck
1964: Jean-Paul Sartre
1969: Samuel Beckett
1972: Heinrich Böll
1975: Albert Camus
1981: Elias Canetti
1982: Gabriel García Márques
1983: William Golding
1993: Toni Morrison
1998: José Saramago
1999: Günter Grass
2004: Elfriede Jelinek
2006: Orhan Pamuk
2009: Herta Müller
2010: Mario Vargas Llosa
2012: Mo Yan
2013: Alice Munro
2014: Patrick Modiano
2015: Swetlana Alexijewitsch
Als vielversprechende Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur gelten unter anderem Joyce Carol Oates und Philip Roth.
Literaturtipp der Woche
Als der junge Daniel von seinem Vater zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ mitgenommen wird, hat er keine Ahnung, dass dieser...
Top-Thema
Wer viel und gerne liest, wird sich irgendwann fragen: Welche Bücher muss ich unbedingt gelesen haben? Die Klassiker der Weltliteratur, heißt es dann oft. Doch was versteht man darunter?
Top-Thema
Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa 1.200 Literaturpreise vergeben – so viel, wie in keinem anderen europäischen Land. Doch ist diese Fülle Fluch oder Segen für die deutsche Literatur? Wir nehmen die Argumente für und wider die Literaturpreise unter die Lupe.