Siegfried Lenz

Siegfried Lenz wurde mit dem Roman Deutschstunde berühmt. (c) Ingrid von KruseSiegfried Lenz (1926 - 2014) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur. Seinen größten Erfolg feierte er mit dem Roman „Die Deutschstunde“ (1968), dem ersten Werk, das sich an die Aufarbeitung der NS-Zeit wagte. Darin schilderte Siegfried Lenz das Leben unter den Nazis, die Nachkriegszeit, Schuld und Verdrängung – und wurde damit international bekannt. Lenz wurde gleich nach seinem Notabitur 1943 zur deutschen Kriegsmarine eingezogen. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht nach Dänemark, wo er allerdings in britische Kriegsgefangenschaft geriet. Dort wurde er als Dolmetscher einer britischen Entlassungskommission eingesetzt. Nach seiner eigenen Entlassung  trat Lenz ein Philosophie-, Anglistik- und Literaturwissenschaftsstudium in Hamburg an, brach dieses aber ab, um ein Volontariat bei der Tageszeitung „Die Welt“ zu absolvieren. Anschließend arbeitete er als Redakteur für die Zeitung.

Hamburg, seiner Wahlheimat, sollte Lenz sein Leben lang treu bleiben: Ab 1951 lebte Lenz dort als freier Schriftsteller und engagierte sich unter anderem im Literaturtreffen Gruppe 47. Hier war er der Senior unter den Schriftstellern der Nachkriegszeit. Zwischen Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Walter Kempowski, Martin Walser und Christa Wolf war er der Ruhige, Bescheidene, Geduldige, Gelassene. „Worauf es ihm ankam“, so Volker Hage im Nachruf für den SPIEGEL, seien „gemachte Erfahrungen“ gewesen, die in der Erzählung wiederbelebt und dem Leser zum Vergleich angeboten würden. Einladend und menschenfreundlich sei er gewesen, „wollte es niemandem unnötig schwer machen, auch seinen Lesern nicht.“ Das sei manchen Kritikern betulich erschienen, sei aber einfach das Wesen von Siegfried Lenz gewesen.

Seinen ersten großen Erfolg feierte er 1955 mit „So zärtlich war Suleyken“, einem Erzählungsband über ein fiktives masurisches Dorf, in dem Lenz den Verlust seiner preußischen Heimat betrauert. „Alles, was du als dein Eigentum betrachtest, kann dir aus der Hand geschlagen werden“, fasste er 2003 dieses Gefühl in einem Interview mit dem SPIEGEL zusammen. Es folgte sein großes Werk der deutschen Nachkriegsliteratur. Bis heute ist „Deutschstunde“ sein wichtigstes Buch geblieben, auch wenn er  im Laufe seiner 60-jährigen Karriere insgesamt 14 Romane, 50 Erzähl- und Essaybände, mehrere Kinderbücher und Dialogstücke geschrieben hat. Hellmuth Karasek schrieb über den Roman: "Mit dem Porträt des von den Nazis verbotenen Malers Emil Nolde schuf Lenz eine Figur von großer Dichte. Er beschreibt in dem Roman die Verquickung von Schuld un Pflicht zur Zeit des Nationalsozialismus in Form einer Schulstrafarbeit des Ich-Erzählers Siggi Jepsen." Für Karasek zählte "Deutschstunde" deshalb zu den "25 Büchern auf Deutsch, die jeder gelesen haben sollte". Für seine Werke wurde Siegfried Lenz mit zahllosen Preisen geehrt, darunter mit dem Thomas-Mann-Preis (1984) und der Goldenen Feder (2006) für sein „literarisch unvergleichliches Werk“.

Am 07. Oktober 2014 starb der große Autor der Nachkriegsliteratur im Alter von 88 Jahren in Hamburg im Kreis seiner Familie. In seiner Trauerrede für seinen langjährigen Freund schrieb Helmut Schmidt, mit dem Tod von Siegfried Lenz sei für ihn eine Freundschaft an ihr Ende gelangt, „die gut ein halbes Jahrhundert gedauert und mich immer wieder bereichert hat.“ Lenz habe sich selbst einen Schriftsteller genannt, „aber hinter dem Schriftsteller blieb ein Philosoph verborgen – und in dem Philosophen steckte ein stringenter Moralist.“ Auch wenn er immer leise mit seiner Moral geblieben sei und sie seinen Lesern nicht aufgedrängt habe. „Man kann sie annehmen, muss es aber nicht. Für Loki und mich war Siegfried Lenz der Ombudsmann des menschlichen Anstands.“ „Siggi war ein Mann mit großem Einfühlungsvermögen“, so Helmut Schmidt weiter. „Er war ein Mensch von großer Freundlichkeit und Bescheidenheit. Für mich war er ein Mann ohne von außen erkennbare Schwächen.“ Gemeinsam mit Helmut Schmidt verneigte sich im Oktober 2014 das ganze Land vor Siegfried Lenz.

Dann im Februar 2016 die große Überraschung – es gibt noch ein unveröffentlichtes Buch von Siegfried Lenz! 65 Jahre, nachdem "Der Überläufer" unter fadenscheinigen Gründen vom damaligen Verlag abgelehnt wurde, erscheint der Roman über die letzten Kriegsmonate bei Hoffmann & Campe.

 

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