Herbert Rosendorfer

Herbert Rosendorfer (li) mit seiner Frau Julia Rosendorfer und Redakteur Paul Sahner (c) Ulli SkoruppaAls der Erfolgsautor Herbert Rosendorfer (1934 – 2012) starb, da blickte die Süddeutsche Zeitung voll des Lobes auf sein Leben zurück. Man verdanke ihm „witzige, feine Stücke Literatur, deren Qualität von der Kritik häufig unterschätzt wurde“, schrieb dort der Autor des Nachrufes, Wolfgang Görl. Tatsächlich hat Herbert Rosendorfer, der bis zu seiner Pensionierung 1997 als Richter am Oberlandesgericht Naumburg arbeitete, mit seinen Büchern viel dazu beigetragen, dem Nachkriegsdeutschland ein Denkmal zu setzen. Das Münchner Kleine-Leute-Milieu ist wohl selten so vortrefflich karikiert worden, wie durch ihn. Lebensfremdheit und kleinbürgerlicher Mief schlagen dem Leser von den Seiten entgegen und zeugen von der exzellenten Beobachtungsgabe des Herbert Rosendorfer. Auch das juristische Milieu Münchens war davor nicht sicher. Der Roman „Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht“ sorgte unter den Kollegen für einen Aufschrei. Jeder meinte, sich auf den Seiten wiederzuerkennen. Die Augen zu verschließen, das lag Rosendorfer nicht. Auch nicht vor den alten und neuen Nazis, die er auch lange nach dem Ende des Nationalsozialismus noch überall in unserer Gesellschaft ausmachen konnte. In einem Interview sagte er einmal: „Dass in den KZs die Juden umgebracht wurden, habe ich schon als Kind gewusst. Jeder, der behauptet, er habe nichts gewusst, lügt.“ Und so gnadenlos war Herbert Rosendorfer auch, wenn es darum ging, die aufzudecken, die in der Nachkriegszeit noch immer als verkappte Nazis durch die Gegend zogen. „Deutsche Suite“ ist jener Roman, der seine Weltsicht wohl am besten zum Ausdruck bringt. In dem Roman, den Görl in der Süddeutschen Zeitung als Rosendorfers „vielleicht aufregendstes und gewiss aberwitzigstes Werk“ bezeichnet, dessen „satirische Qualität an diese Groteske heranreicht“ „entwirft Rosendorfer ein verrücktes und doch stimmiges Polit- und Gesellschaftsszenario, bevölkert mit Nazis, degeneriertem Hochadel und erzreaktionären Klerikern, Salonrevolutionären und Gschaftlhubern - die alte bayerische Herrschaftselite, die, koste es, was es wolle, zurück zur Macht strebt“.  Auch Hitler bekommt darin (mal wieder) sein Fett weg. Er hat den Krieg überlebt und entpuppt sich nun als Frau. Solche Szenarien sind ganz und gar typisch für Herbert Rosendorfer, dem jedes Mittel Recht war, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. So schickte er in seinem berühmtesten Werk „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ den chinesischen Justiz-Mandarin Kao-tai aus dem 10. Jahrhundert in das München der Gegenwart. Mit seiner Hilfe führt Rosendorfer den Wahnsinn unserer Zeit ad absurdum. Durch seine Augen sehen wir Rosendorfers Wahlheimat als wahnwitzigen Traum und uns selbst als Karikaturen dessen, was wir sein wollen. Einen solch begnadeten Schriftsteller gibt es in der deutschen Literatur nicht oft. Zumal wenn man bedenkt, dass das Schreiben eigentlich eher ein einträgliches Hobby war, denn Herbert Rosendorfer arbeitete mehr als 30 Jahre lang in seiner studierten Profession. Nachdem er 1963 das Zweite Staatsexamen abgelegt hatte, arbeitete er zunächst als Gerichtsassessor und Staatsanwalt in Bayreuth und dann als Amtsrichter in München, bevor er 1993 zum Oberlandesgericht nach Naumburg berufen wurde. Herbert Rosendorfer war beides: ein begnadeter Schriftsteller und ein ebenso talentierter Jurist. Seit 1990 durften sich die Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität München davon überzeugen, vor denen er Vorlesungen in Bayerischer Literaturgeschichte hielt. Als Herbert Rosendorfer 1997 pensioniert wurde, kehrte er in seine alte Heimat, nach Südtirol, zurück. 1939 war seine Familie in Folge des Hitler-Mussolini-Pakts nach Deutschland ausgewandert. 2009 – also 70 Jahre später – erklärte Rosendorfer in einem öffentlichen Interview: „Ich wollte heim, ich gehöre hierher.“ Hier dachte er viel über das Leben nach und führte jene Gespräche mit seiner Frau Julia Rosendorfer, die sie nach seinem Tode in dem Buch „Ich beginne, an der Nichtexistenz Gottes zu zweifeln“ veröffentlichte. Darin sehen wir einen Herbert Rosendorfer, der am Ende seines Lebensweges angekommen ist und sich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert sieht. Er denkt über das nach, was vergeht, und über das, was ewig Bestand haben wird. BUNTE-Autor Paul Sahner traf Julia und Herbert Rosendorfer vor dessen Tod zu einem sehr offenen, bewegenden Interview, das die Grundlage für dieses Buch über den Abschied vom Leben bildet. Damals wusste Rosendorfer noch nicht, wie kurz sein eigener Abschied bevor stand, doch die tiefe Weisheit seines Alters, die Erfahrungen der vergangenen 78 Jahre machen „Ich beginne, an der Nichtexistenz Gottes zu zweifeln“ zu einem sehr nachdenklichen Buch mit vielen wertvollen Ansätzen und Gedankenanstößen. Knapp ein Jahr nach dem Tod von Herbert Rosendorfer brachten Julia Rosendorfer und Paul Sahner das Buch heraus, das wir als „Lesestoff fürs Gemüt“ empfehlen dürfen.  

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